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Das Jesus-Puzzle

Basiert das Christentum auf einer Legende?

Kategorie:
Religionskritik
Bestellnr:
20935
Autor:
Doherty, Earl
AusfĂĽhrung:
488 S., kart.
ISBN:
978-3-933037-26-8
Verlag:
Angelika Lenz Verlag

25,90 €*
*incl. 7% MwSt


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Inhalt:
Warum sind die Ereignisse des Evangeliums und seine Hauptfigur Jesus von Nazareth nicht in den Episteln des Neuen Testaments zu finden? Warum scheint der göttliche Christus des Paulus keine Verbindung zum Jesus des Evangeliums zu haben, während er jedoch den vielen heidnischen Göttern jener Zeit ähnelt, die nur in Mythen lebten? Warum, wenn man die große Verbreitung des Christentums über das römische Reich im ersten Jahrhundert in Betracht zieht, schrieb nur eine einzige christliche Gemeinde die Geschichte von Jesu Leben und Tod nieder - im Markusevanglium - während jedes andere Evangelium dieses erste lediglich kopierte und überarbeitete? Warum stammt jedes Detail in der Evangeliumsgeschichte über Jesu Verurteilung und Kreuzigung aus Passagen des Alten Testaments?
Die Antwort auf diese und andere Fragen rund um das Neue Testament wird diejenigen schockieren, die glauben, dass die Ursprünge des Christentums und die Gestalt Jesus unbestreitbare Fakten der christlichen Tradition und der Evangelien sind. Mit Beginn des 3. Jahrtausends ist die Zeit gekommen, sich der Tatsache zu stellen, dass während der letzten 1900 Jahre die Christenheit einem Gründer und einer Glaubensikone gehuldigt hat, die wahrscheinlich nie existiert hat.

Rezension:Hat Jesus wirklich gelebt?

Das ist die provokante Frage, der EARL DOHERTY in seinem Buch „Das Jesus-Puzzle“ in vielfältiger Weise nachgeht. Dem Autor, kanadischer Altsprachler und Altertumshistoriker, Mitglied der Humanist Association of Canada, merkt man an, dass es zu seinen Gewohnheiten gehört zu fragen; seine oft erstaunlichen und äußerst präzisen Fragen durchziehen das ganze Buch:
Durch welche Prüfung soll herausgefunden werden, ob ein christlicher Apostel die Wahrheit sagt? - Was konnte Paulus ... dazu veranlassen, aus einem einfachen Prediger, den sie nur vom Hörensagen kannten, eine kosmische Gottheit zu machen? Wenn noch nicht einmal die Grundlagen bekannt waren, wie konnte dann der Tod Jesu einen derartigen Eindruck hinterlassen haben, dass die Menschen sich gedrängt fühlten, daraus Literatur zu machen? Wo kam die Vorstellung von Jesus als dem Gründer der Gemeinde her? War Jesus ein apokalyptischer Prophet, fixiert auf das Ende der Welt im Feuer unter den Händen des Menschensohns? – Welche Quellen führten zu den Evangelien? Hat Markus sein Evangelium den Lesern als wirkliche Historie präsentieren wollen? Ist das paulinische „Herrenmahl“ ... von den Mysterien beeinflusst oder angeleitet, und ist es wie deren Kultmahlzeiten ein völlig mythisches Ereignis? Gehört das frühe Thomas-evangelium zu einem „authentischen“ Jesus? - Wer kreuzigte Jesus? Was ist mit Reli-quien? Jesu Kleider, Gegenstände, die er im alltäglichen Leben benutzte, Dinge, die er berührte? Warum sind solche Dinge nicht übrig geblieben, um gesammelt und hoch geschätzt zu werden, angeschaut und berührt von den Gläubigen? - Wenn Gott Christus offenbart, woher kam der Inhalt der Offenbarung? Wie erlöst Gott sein Volk? Wer würden die Mittler sein? Aber wo und wann ereignete sich die Erlösungshandlung?
DOHERTY will dazu beitragen, ein plausibles Bild von der frühchristlichen Bewegung zu gewinnen. Dazu analysiert er ihre jüdischen und heidnischen Wurzeln und wendet sich generell gegen die Ansicht, das Christentum sei eine einheitliche Bewegung. Hieraus resultiert auch der Titel des Buches, denn die Vorstellung von einer so zentralen Leitfigur wie Jesus resultiert aus Teilen, die von Epistel- und Evangelienschreibern, von Verfassern und Kopisten religiöser Texte einzeln entwickelt und später zusammengefügt wurden. Während bei einem Puzzle-Spiel die Teile lückenlos stimmig sind, ergaben sich bei diesem Prozess Passungsprobleme. Diese spürt DOHERTY akribisch auf und bemüht sich wissenschaftliche Erklärungen zu finden. Auf diesem Wege fügt er die vorhandenen Teile des Jesus-Puzzles zusammen und weist auf Lücken hin, die u. a. zu Zweifeln an der Historizität der christlichen Zentralfigur Jesus und seines Lebensverlaufes – beschrieben in den Evangelien des Neuen Testaments – führen.

EARL DOHERTY stellt seine Fragen nicht nur in den Raum, sondern sucht nach Antworten. Diese gründen sich auf eine genaue Analyse von mehr als 200 Quellen, die er im Verlaufe von 20 Jahren vornahm. Seine Antworten sind zum Teil sowohl für den Gläu-bigen als auch für den Freigeist recht erstaunlich. Dabei bekennt er, dass es auf manche seiner Fragen wahrscheinlich nie eine Antwort geben wird.
So führt DOHERTY den Nachweis, dass Evangelien außerhalb der Geschichtsschreibung stehen, da sie sich an manchen Stellen widersprechen und Phantastisches wie z. B. Wunder enthalten. Sie sind nach seiner Auffassung als historische Berichte unzuverläs-sig und daher keine Basis für den Nachweis der Historizität Jesu. „Es ist wichtig zu er-kennen, dass die vielen Hinweise in den Briefen auf ‚Tod’ und ‚Auferstehung’ Christi nicht per se Hinweise auf Ereignisse in der physischen Welt oder in der Geschichte sind. Sie sind ... Teil des Mythos über den Sohn; sie beziehen sich auf sein göttliches Wirken in der übernatürlichen Welt.“ (S. 24)
DOHERTY zeichnet einerseits ein Jesusbild als „Erhöhung“ eines menschlichen Wesens, aber er ordnet Jesus in die Reihe der verherrlichten fiktiven Gründergestalten ein, wie sie in Religionen vorkommen. Er sieht Jesus sowohl als historische menschliche Figur als auch als visionäre Gestalt, als spirituelle Gottheit. Dabei legt er großen Wert auf eine Unterscheidung zwischen „gesehen als Vision“ und „bemerkt im tatsächlichen Geschehen“. Der Autor zeigt mit großer Klarheit, dass es für das Christentum „separate Überlieferungsstränge“ gab, die zur Jesus-Tradition der Evangelien miteinander verknüpft wurden. Auch bei den christlichen Apologeten des 2. Jahrhunderts ist nach seiner Auffassung keine Kontinuität hinsichtlich eines historischen Jesus zu finden.
Insgesamt vertritt EARL DOHERTY die Ansicht, dass das Christentum während seiner ersten 150 Jahre ein Mosaik aus verschiedenen Glaubensrichtungen war (S. 365). Die Leitfigur Jesus kann erfunden sein, denn es gibt in der Geschichte Präzedenzfälle für erfundene Gründergestalten.

Der Autor stellt seine Positionen nicht nur in einen religiösen Zusammenhang. Er berücksichtigt dabei ebenfalls die gesellschaftliche Situation der betrachteten Zeitabschnit-te und die damals vorherrschenden „religionsstiftenden“ philosophischen Strömungen wie die der Kyniker, der Stoiker, der Platonisten und die Verlautbarungen jüdisch-hellenistischer Religionsphilosophen. Dabei erweist er sich als ein exzellenter Kenner der Bibel und ihrer unterschiedlichen Übersetzungen, der antiken Geschichte und Mythologie. Bei allem erscheinen seine Ansichten klar, wohl abgewogen, aber vorsichtig, nicht dogmatisch oder endgültig; er erörtert Möglichkeiten, äußert Vermutungen, wägt ab und weist auf Offenes, Ungeklärtes hin.
„Das Jesus-Puzzle“ ist ein religionskritisches Buch und setzt diesbezügliche Traditionen fort. Seine Kritik folgt der Arbeit des Jesus-Seminars, einer Gesellschaft von Neutesta-mentlern in Kalifornien, die „moderne historisch-kritische Methoden auf die frühchrist-lichen Schriften“ anwenden (S. 424). Es knüpft an die Verfahrensweise an, welche die christlichen Schriften stärker als Verkörperung menschlicher Zustände und Interessen sieht und nicht als Ausdruck des Willens Gottes oder göttlicher Wahrheiten (S. 379). Das Werk gliedert sich in drei Teile entsprechend den vermuteten Traditionslinien des Christentums und der Zentralfigur Jesus: Jerusalem-Tradition, Galiläa-Tradition und 2-Komponenten-Christentum.
Das Buch ist nicht leicht zu lesen und setzt beim Nutzer eine gute Kenntnis des Neuen Testaments voraus. DOHERTY erleichtert jedoch den Zugang in einer gut verständlichen Einführung und durch eine Darlegung der grundlegenden Gedankenführung vor jedem Kapitel und auch in Übergängen zwischen den einzelnen Abschnitten. Unklar bleibt, was den Autor bewogen hat, auf viele Texte als Anmerkungen zu verweisen. Sie hätten sich zum großen Teil problemlos in den laufenden Text einordnen lassen und das flüssige Lesen nicht unterbrochen. Tragende religiöse und religionswissenschaftliche Begrif-fe werden zwar an einer Stelle des Textes erläutert; ein darauf bezogenes Glossar würde jedoch dem Buch zum Vorteil gereichen.
Für Freunde des freien Denkens, für an Religion und Religionswissenschaft Interessierte ist das Buch eine wertvolle Quelle gedanklicher Bereicherung. Es bestätigt, dass die von den „Altmeistern“ der Religionskritik entwickelten Argumentationslinien richtig sind. Es zeigt, dass diese auch im Lichte der modernen religionswissenschaftlichen Forschung bestehen können. Das Buch von EARL DOHERTY zeigt dem Leser auch, was da-von zu halten ist, die Bibel wörtlich zu nehmen, so wie es die Kreationisten zu tun pflegen. Sein Inhalt führt so manche kreationistische Ansicht ad absurdum.
Die Betrachtungen zum „Jesus-Puzzle“ blieben unvollständig, würden nicht die hervor-ragenden Leistungen in seiner Übersetzung hervorgehoben. Der anspruchsvolle und fachlich schwierige Text ist nicht nur schlechthin ins Deutsche übertragen, sondern auch in eine stilvolle Sprache gekleidet worden.

Dr. Dr. JAN BRETSCHNEIDER




Rezension: Das Jesus-Puzzle (erschienen in MIZ 4/03) [Materialien und Informationen zur Zeit]

Die Literatur über Jesus von Nazareth, den vorgeblichen Heiland, der nach einer weit verbreiteten Legende vor rund zweitausend Jahren nicht nur beachtliche Wunder gewirkt, sondern die gesamte Menschheit erlöst haben soll, ist so groß und vielfältig, dass man eigentlich nichts Neues mehr erwarten sollte. Die meisten Forscher, die sich mit Jesu Leben beschäftigen, haben sich damit abgefunden, dass man nichts Definitives über Jesus sagen könne, allenfalls, dass eine solche Gestalt, sofern es sie überhaupt gegeben hat, wohl im jüdischen Kontext dachte und handelte. Infolge dessen hat sich in der historisch-kritischen Literatur das Bild vom jüdischen Wanderprediger Jesus eingebürgert, der erst in Folge der späteren Mythologisierung (beginnend mit Paulus) seiner jüdischen Wurzeln entkleidet und zum Christus, dem „Erlöser aller Menschen“, stilisiert wurde.
Völlig falsch!, meint Earl Doherty, der mit seinem Buch „Das Jesus-Puzzle“ eine erfrischend neue Interpretation der Jesus-Figur vorgelegt hat. Das Evangelium der Christenheit beruht, so Doherty, auf der Verschmelzung zweier Traditionen, die ursprünglich gar nichts miteinander zu tun hatten: 1. einer „Galiläa-Tradition“, die eine neue Ethik sowie das Nahen des Reichs Gottes und des sog. „Menschensohns“ verkündigte, und 2. einer „Jerusalem-Tradition“, in deren Zentrum ein himmlischer Sohn Gottes stand (Jesus oder Yeshua, Christus oder Messias genannt), der in einer übernatürlichen Welt durch einen metaphysischen Opfertod und anschließender Auferstehung bereits zwischen Gott und der Welt vermittelt hatte (Erlösung) und dessen irdische Ankunft für die nahe Zukunft erwartet wurde.
Um diese These zu belegen, deckt Doherty mit der Akribie eines Sherlock Holmes die Gräben zwischen den neutestamentarischen Briefen und den Evangelien auf. Warum, fragt er, berichten die Briefe der Apostel nichts von den Wundern Jesu in Galiläa, nichts von seinen Lehren, seiner Biographie und Herkunft? Warum konzentrieren sie sich ausschließlich auf das Verhältnis des Gläubigen zum himmlischen Sohn, auf Erlösungstod und Auferstehung? Warum gibt es nirgendwo eine Erwähnung der historischen Umstände dieses spektakulären, gewaltsamen Todes? Ganz einfach, antwortet Doherty, weil Paulus & Co. als Apostel der Jerusalem-Tradition nichts von einer historischen Person wussten, die auf Geheiß des römischen Statthalters Pilatus hingerichtet wurde.
Der Messias des Paulus war keine irdische, sondern eine jenseitige Figur, sie hatte die Menschheit in einer gänzlich übernatürlichen Welt per Tod und Auferstehung erlöst. Paulus konnte demnach, anders als man es ihm heute häufig vorwirft, die Botschaft des historischen Jesus gar nicht verfälschen, weil er weder einen historischen Jesus noch die ihm später zugeschriebene Botschaft kannte. Die Weisheitslehre, die in den Evangelien mit der Gestalt des Jesus verknüpft wurde, entstammte nämlich der Galiläa-Tradition, zu der der Apostel keinen Zugang hatte.
Im Unterschied zur Jerusalem-Tradition wusste die Galiläa-Tradition tatsächlich von irdischen Propheten der Weisheit, ihren Lehren und Wundern (Dämonenaustreibungen etc.) zu berichten. Da sie in scharfem Kontrast zum damaligen religiös-politischen Establishment stand, kursierten hier auch Erzählungen von entsprechenden Konflikten. Allerdings kannte die Galiläa-Tradition keinen Jesus, der als Erlöser hingerichtet wurde und wenige Tage nach seinem Tod wieder zum Leben erweckt wurde. Wie es scheint, wurden die beiden autonomen Traditionen erst durch den Evangelisten Markus miteinander verknüpft. Er nahm die Weisheitslehre, die Berichte von Wundertaten und Obrigkeitskonflikten aus der Galiläa-Tradition und verband sie mit der aus der Jerusalem-Tradition stammenden Vorstellung eines Gottessohnes namens Jesus, der mittels Opfertod und Auferstehung die Gläubigen erlöst. Dass Markus mit diesem Kunstkniff die Grundlage einer Weltreligion – noch dazu einer über lange Zeiträume hinweg sich antisemitisch gebärdenden! – geschaffen hatte, konnte der Geschichtenerzähler selbstverständlich nicht erahnen.
Dohertys Analyse fördert nicht nur die beiden heterogenen Traditionen hervor, die sich in den Evangelien miteinander vereinigen, sondern auch die unterschiedlichen Schichten des Quellentextes Q, den Bibelforscher als Textgrundlage der synoptischen Evangelien hypothetisch annehmen. Spannend an dieser Auseinandersetzung ist u.a., dass Doherty die milden Weisheitstexte von Q1, die in einem schroffen Gegensatz zu den harten, apokalyptischen Drohungen („ewiges Feuer“) von Q2 stehen, auf den Einfluss der hellenischen Philosophen-Bewegung der Kyniker zurückführt, die während des 1. Jahrhunderts das Römische Reich durchwanderten, ihre auf Selbstgenügsamkeit beruhende Weisheitslehre predigten und dabei auch gegen soziale Ungerechtigkeit, Autoritätsgläubigkeit und Bigotterie zu Felde zogen. Eine pikante Deutung, denn sollte sie stimmen, so wären die sog. „christlichen Werte“, die gerne zur Verteidigung des Christentums in die Waagschale geworfen werden (sie stammten allesamt aus der Quelle Q1), weder auf Jesus noch auf irgendeine andere Gestalt der Bibel zurückzuführen, sondern auf die versprengten Anhänger des vielleicht sonderbarsten, heidnischen Philosophen der Antike, nämlich Diogenes von Sinope, der es als Ausdruck seiner Selbstgenügsamkeit und Verachtung gesellschaftlicher Konventionen mitunter vorzog, in einer Tonne zu wohnen.
Fazit: Trotz problematischer Faktenlage (Q ist eine zwar plausible, aber dennoch bloß hypothetische Konstruktion der Bibelforschung) ist es Doherty gelungen, eine Deutung zu entwickeln, die durch logische Stringenz überzeugt. Auch wenn schwer zu entscheiden ist, inwieweit seine Darstellung tatsächlich den historischen Fakten entspricht: „Das Jesus-Puzzle“ ist ein höchst faszinierendes Buch, dem man eine große Leserschaft wünscht.

Michael Schmidt-Salomon