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Bild Atheismus oder Kulturchristentum?

Atheismus oder Kulturchristentum?

Zwischen Dialog und Kooperation

Kategorie:
Religionskritik
Bestellnr:
21057
Autor:
Grabner-Haider, Anton / Wuketits, Franz M.
AusfĂĽhrung:
258 S., kart.
ISBN:
978-3-943624-05-2
Verlag:
Angelika Lenz Verlag

19,90 €*
*incl. 7% MwSt


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Inhalt:
Lange Zeit haben sich die Kirchenleitungen dagegen gewehrt, die Menschenrechte und die Naturwissenschaften anzuerkennen. Das hat zu Kirchenaustritten gefĂĽhrt, zumindest aber zur inneren Abkehr von der christlichen Lehre oder Teilen davon. Modernere Ansichten haben mittlerweile auch in den Kirchen Einzug gehalten, wenn auch sicher nicht ĂĽberall und bei jedem im gleichen MaĂźe.
Es stellt sich für viele die Frage, ob denn alles am herkömmlichen Christentum schlecht ist, oder ob es nicht doch manches zu bewahren und zu verbessern gilt. Oder ist es schlichtweg an der Zeit, ganz einfach zum Atheisten zu werden und den christlichen Glauben nun ad acta zu legen? Zwei Plädoyers jeweils für die eine und die andere Sichtweise.

Rezension:Anton Grabner-Haider/Franz M. Wuketits: Atheismus oder Kulturchristentum?

Ein hochinteressantes Projekt: Ein Biologe/Wissenschaftstheoretiker und ein Religions-/Kulturwissenschaftler, beide als Universitätslehrer und Buchautoren sehr renommiert, beschrei-ben atheistisches und kulturchristliches Denken; sich daraus ergebende Grundfragen (ist der Gegensatz zwischen beiden Weltanschauungen überbrückbar, sind Formen des Dialogs und einer ideellen Zusammenarbeit denkbar?) bilden - neben umfassender Wissensvermittlung - die zentralen Bestandteile des Buches.

Atheisten/Agnostiker/Skeptiker besitzen ein naturalistisches, säkulares, humanistisches Weltbild, theologische (und teleologische) Welterklärungen sind für sie obsolet, alle Vorgänge im Univer-sum, das Leben selbst in seiner Fülle, gehorcht Naturgesetzen.

Kulturchristen anerkennen die Bedeutung und Ergebnisse natur- und kulturwissenschaftlicher Erkenntnisse; sie vertreten ebenfalls ein humanistisches Weltbild, glauben aber darüber hinaus in der Mehrzahl auch an göttliche Kräfte im und außerhalb des Kosmos und meist auch an eine personale Gottheit, auf die sie ihr Leben beziehen. Aus christlichen Traditionen wählen sie aus, was ihnen plausibel und moralisch vertretbar erscheint.

Teil I: Was glauben Atheisten? - Leben, Moral und Sinn in einer gottlosen Welt:
Ausgehend von 3 Grundfragen (wie lebt es sich in einer Welt, in der Religion als evolutionäre Nutzenfunktion entlarvt wurde, wie steht es um Moral und Ethik ohne Rekurs auf absolute, von Gott gegebene Werte und Normen, wie ist sinnvolles Leben in einer an sich „sinnlosen“ Welt möglich?) erläutert Franz M. Wuketits knapp und klar die Inhalte atheistischen Denkens auf Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse als Gegenentwurf zu einem auf „Göttlichkeit“ und „höheren Sinn“ ausgerichteten Leben.

Mit den Fragen „Wie deuten Atheisten das Leben, sind Atheisten unmoralisch, welchen Sinn geben Atheisten dem Leben, wie begegnen Atheisten dem Tod?“ vermittelt der Autor tiefgründi-ges Wissen um den Menschen in seinem evolutionären Gewordensein, in seinen positiven und problematischen Eigenschaften, in seinen Überlebensinteressen, in seiner Suche nach Erkennt-nis und Sinn und - nicht zuletzt – in der Bewältigung der Bewusstheit seiner Sterblichkeit.

Atheismus bedeutet nicht Antitheismus im Sinne eines Kampfes gegen gläubige Menschen, er vermittelt mit seinem auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhenden, humanistischen Weltbild intellektuell befriedigende Orientierung; die atheistische Interpretation aller Phänomene der Welt ermöglicht ein weniger problembehaftetes, widerspruchsfreieres, auch besseres Leben. Ein Atheist bedarf keiner „geistlich-geistigen“ Führung; er lässt sich nicht mit Versprechungen einer besseren Welt im Jenseits über die Übel und Ungerechtigkeiten des Diesseits hinwegtäuschen, er ist bemüht, im Hier- und Dasein sein Glück zu finden und dabei in Achtsamkeit auch seinen Beitrag für eine bessere, gerechtere Welt zu leisten; autoritäre Herrschaftssysteme, die auf in-nerweltliche und außerweltlich begründete Ängste und Hoffnungen der Menschen aufbauen und diese missbrauchen, lehnt er ab.

Teil II: Was glauben Kulturchristen?
Kulturchristen können - im Gegensatz zu „Kirchenchristen“ - viele Lehren und Normen der Theo-logie und Kirchenleitung nicht mehr nachvollziehen; sie erkennen, dass heutiges Wissen nicht mehr alten Glaubenslehren entspricht. Kulturchristen stehen zu den organisierten Kirchen weit-gehend in Distanz; sie streben nach einer vernünftigen und der menschlichen Natur gemäßen Form der Religion, bzw. Spiritualität, wobei ihnen Grundwerte christlicher Kultur, sofern diese aus der stoischen/kynischen Tradition stammen, wichtig sind. Die meisten von ihnen sind überzeugt, dass einige Elemente christlichen Glaubens auch in heutiger Zeit noch sinnvoll gelebt werden können.

Anton Grabner-Haider beschreibt sehr prägnant die Anfänge der Religion und des Christentums, die Lernprozesse der Aufklärung, den Glauben der Kulturchristen, die Dynamik der Religion und – besonders wichtig – religiöses Ethos und religiöse Lebensformen sowie ein mögliches „Leben im Dialog“. Es würde den Rahmen dieser Besprechung bei weitem sprengen, auf die große Fülle aufgeworfener Themen und Fragen auch nur ansatzweise einzugehen; als Grundaussage kann festgehalten werden, dass Kulturchristentum durch die religiöse Grundüberzeugung „Leben ist ein göttliches Geschenk“ bestimmt wird und dass durch diese Überzeugung auch konkrete Le-bensstile geformt werden. Zitat: „Wenn Nichtreligiöse ihr Leben als Zufall ansehen, dem sie einen persönlichen Sinn geben wollen, dann sehen religiöse Menschen das Leben als Ganzheit und als göttlichen Plan, von dem sie einen umfassenden Sinn ableiten“. Dabei stehen Kulturchristen (im Gegensatz zu den meisten Kirchenchristen) voll im naturwissenschaftlichen Weltbild ihrer Zeit, sie folgen keinen magischen Vorstellungen (wie sie auch bei Esoterikern zu finden sind), sie glauben nicht an magische Wirkungen von Riten, Gebeten und Meditationen. Monopolansprüche auf Wahrheit und Überlegenheit haben Kulturchristen aufgegeben, im Gegensatz zur repressiven Sexuallehre von Klerikern und Theologen gehört für sie auch das natürliche Streben nach sinnlicher Lust zu einem guten und glücklichen Leben. In der Hinwendung von einem kultischen (politischen) zu einem philosophischen Monotheismus (eine unter verschiedenen anthro-pomorphen Bildern verehrte Gottheit für alle Menschen) sehen sie einen wichtigen Ansatzpunkt für den globalen Dialog der Religionen.

Kulturchristen sind um diesen Dialog und um Austausch mit anderen Überzeugungen und Wert-systemen bemüht, ihr Weltbild steht auf dem Boden naturwissenschaftlicher Erkenntnisse sowie kritischer Philosophie und einer humanistisch orientierten Werteordnung. Sie grenzen sich von religiösen und politischen Fundamentalisten, politischen Demagogen und Verbreitern neuer Ide-ologien entschieden ab, mehrheitlich sind sie liberalem und kritischem Denken verpflichtet.

Ein uneingeschränkt empfehlenswertes Buch!

1. Es bietet sehr viel Wissen (euphemisch: „einen Schatz“ an Wissen):
Beide Autoren vermitteln – intellektuell anspruchsvoll, dabei aber gut lesbar, sehr verständlich und über weite Strecken spannend – eine Fülle von natur- und geisteswissenschaftlichem, histo-rischem und kulturhistorischem Wissen, ergänzt durch grundlegende philosophische Betrach-tungen.

2. Es verdeutlicht Unterschiede, baut aber auch BrĂĽcken:
Neben der Darstellung unterschiedlicher Denkweisen nimmt auch das Gemeinsame, das Ver-bindende, breiten Raum ein. Beide Positionen eint das Bemühen um eine humane Welt, um die Verminderung der zahlreichen Übel der Welt. Beide Autoren betonen die Bedeutung von rationa-lem, kritischem Denken, von Wissenschaft und Aufklärung, beide Autoren verurteilen Funda-mentalismus jeglicher Art und werben für gegenseitiges Verstehen und Toleranz.

3. Es bietet Anregungen zu Sinnfindung und Orientierung im Dasein:
Für beide Autoren ist das Leben sinnvoll; es besitzt – für Kulturchristen - religiös begründeten Sinn und lässt – für Atheisten – auch ohne höhere Sinnstiftung individuellen Sinn erkennen und er-leben.

4. Es enthält ein Plädoyer für mögliche Kooperationen:
Kulturchristen wie auch Atheisten bilden keine einheitlichen Gruppen, sie leben mit verschiedenen Überzeugungen, politischen Präferenzen und Wertorientierungen. Um gesellschaftlich wirksam zu werden, sind beide Weltanschauungen auf Zusammenarbeit mit Andersdenkenden an-gewiesen. Atheisten und Kulturchristen sollten ihre Kräfte bündeln, um auf demokratischem Weg die großen globalen Probleme des Klimaschutzes, der sozialen Gerechtigkeit, der Friedenssi-cherung und der Generationengerechtigkeit mit der Kraft kritischer Vernunft zu lösen.

Atheismus oder Kulturchristentum? Das Wort „oder“ und das Bild am Cover des Buches (Wegweiser in beide Richtungen) suggerieren die Notwendigkeit einer Entscheidung, aus der Sicht des Rezensenten ist eine solche Forderung obsolet. Einerseits, weil gläubige oder nicht-gläubige Menschen wenig, bzw. keine Wahlfreiheit besitzen, religiöse Annahmen zu glauben, oder nicht zu glauben, andererseits, weil dazu - im Sinne der Grundaussagen und Grundforde-rungen des Buches - auch keine Notwendigkeit besteht. Beide Positionen vereint das Bemühen um eine humane, tolerantere, gerechtere – kurz „bessere“ – Welt; dass Kulturchristen dazu auch noch eine metaempirische Ebene als sinnvoll (bzw. als vorhanden) erachten, ist nach Ansicht des Rezensenten eine Marginalie (für sie aber wohl keineswegs).

Dr. Gerfried Pongratz, 9. 6. 2014

Bezugsquelle: Angelika Lenz Verlag, D-63263 Neu-Isenburg, BeethovenstraĂźe 96,
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