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Bild Der Morgenrötemensch

Der Morgenrötemensch

und andere wissenschaftliche Mythen aus der Biologie

Kategorie:
Naturwissenschaft + Philosophie
Bestellnr:
20957
Autor:
Lange, Erich
AusfĂĽhrung:
211 S., kart.
ISBN:
978-3-933037-44-2
Verlag:
Angelika Lenz Verlag

17,90 €*
*incl. 7% MwSt


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Inhalt:
Auch in der Wissenschaft ist nicht alles Gold was glänzt. Zwar klären sich früher oder später wohl alle Irrtümer einmal auf, aber erstaunlich ist es doch, was oft über Jahrzehnte hinweg auch ernst zu nehmende Fachleute fälschlicherweise akzeptieren. Einige Kostproben hiervon finden sich in diesem Buch. Ist es zu glauben, dass es über 40 Jahre dauern sollte, bis die Anthropologen erkannten, dass der berühmte Schädel von Piltdown aus modernen menschlichen Schädelknochen und einem Affenunterkiefer fabriziert worden war? Musste es wirklich bis nach dem Zweiten Weltkrieg dauern, bis allen Medizinern klar war, dass die bekannten Abwehrfermente, von deren Existenz der Biochemiker Emil Abderhalden die Welt schon 1912 in Kenntnis gesetzt hatte, reiner Humbug waren?

Rezension:Mythen in der Wissenschaft?

Als ich 1998 gemeinsam mit einer Studentin das Thema „Höherentwicklung“ in der Zeitschrift „Biologie in der Schule“ als problematisch abhandelte, war mir ein Beitrag von ERICH LANGE aus dem Jahre 1976 hierzu sehr hilfreich. Nach nunmehr 28 Jahren beschäftigt ihn diese Interpretation biotischer Prozesse mit kritischer Sicht noch immer. Er kann sich dabei eins wissen mit dem 100-jährigen Nestor der Evolutionsbiologie, ERNST MAYR, der in der biologischen Evolutionstheorie sowohl Grundfragen als auch Missverständnisse erblickt.
ERICH LANGE beschränkt sich in seinem neuen Buch „Der Morgenrötemensch“ aber nicht auf das Problem Höherentwicklung, sondern ordnet es in eine besondere Rubrik von Streitfragen in der Biologie ein, die er als „wissenschaftliche Mythen“ bezeichnet. Nun gibt es zwar die Mythologie als Wissenschaft von den Mythen, aber existieren auch wissenschaftliche Mythen? Da der Begriff „Mythos“ sehr vieldeutig ist, wird er dem, wovon LANGE schreibt, am besten gerecht, wenn man der Bestimmung von JOHN L. CASTI folgt: „Der Mythos präsentiert sich als eine autoritative Darstellung der Tatsachen, an der nicht gezweifelt werden darf, so merkwürdig sie auch erscheinen mag.“. Ein Mythos hat u. a. die Funktionen, das Erleben von Scheu, Demut und Hochachtung in Anerkennung letzter Geheimnisse des Lebens und der Welt zu erwecken und zu erhalten, ein Bild von der Welt und Erklärungen für sie zu liefern und eine etablierte soziale Ordnung zu rechtfertigen und zu stützen.
Zwar liest man davon in dem zu besprechenden Buch fast nichts, aber genau diese Funktionen macht ERICH LANGE gewissermaßen lebendig, wenn er von der Vererbung erworbener Eigenschaften, einem erfundenen fossilen Menschen, den Machenschaften eines TROFIM LYSENKO, der relativen Sexualität, von verschwundenen Formeln, angeblichen Abwehrfermenten der Zellen und anderen Merkwürdigkeiten in der Biologie schreibt. Er zeichnet hierbei Wege nach, wie Wissenschaftler zu biologischen Erkenntnissen gelangten, welche Schwierigkeiten sie zu überwinden hatten und welchen Irrtümern sie dabei unterlagen. Damit korrigiert er so manches vereinfachte Bild von Wissenschaft, macht den manchmal komplizierten und verzweigten Weg wissenschaftlichen Erkennens deutlich und konzentriert sich dabei auf Irrwege und unlauteres Arbeiten Einzelner. Beides wird in akzeptabler Weise erklärt, so dass für den Leser eigene Denkwege und die kritische Sicht auf Erkenntnisse befördert werden. Manches aus der Wissenschaft wird entthront, aber dabei nicht niedergemacht.
ERICH LANGE entwickelt bei seinem „Entmythisieren“ gute und nachvollziehbare Argumentationslinien, für die er Erkenntnisse aus den verschiedensten Wissenschaftsdisziplinen heranzieht und die er mit reichlich Zitaten aus Zeitdokumenten belegt. Was er schreibt ist sowohl aus der Geschichte der Biologie als auch selbst Geschichte, die jedoch ganz anders zu lesen ist als in den einschlägigen Standardwerken und die eine gewisse Spannung aufweist, an manchen Stellen wie ein guter Kriminalroman.
Der Autor begnügt sich jedoch nicht nur mit der Beschreibung und Auseinandersetzung mit Mythen in der Biologie, sondern er geht auch der Frage nach, wieso sich derartige Mythen über Jahrzehnte hinweg halten konnten, welche gesellschaftlichen Hintergründe sie ermöglichten und begünstigten. Er liefert z. B. plausible Erklärungen dafür, welche Umstände die dargestellten Betrügereien und Auseinandersetzungen jenseits von Sachlichkeit und Anstand in der Biologie ermöglichten. Besonders anzuerkennen ist, dass LANGE um kein Problem einen Bogen macht und seine eigene Position in seine Darlegungen einbringt. Er stellt sich sogar der in der Biologie lange suspekten Frage „Warum?“ und zeigt, dass Antworten darauf nicht unbedingt finalistisch oder teleologisch sein müssen. Er argumentiert nach meiner Auffassung auch treffend, dass Höherentwicklung des Lebendigen eigentlich kein Mythos ist, wohl aber noch heute durch so manchen Wissenschaftler für einen solchen gehalten wird.
ERICH LANGE, als Diplombiologe seit Jahrzehnten u. a. ausgewiesen durch evolutionsbiologische und populärwissenschaftliche Publikationen, verwendet in diesem Buch überwiegend den populärwissenschaftlichen Stil, so dass die dargelegten Dinge dem einigermaßen gebildeten Leser verständlich sein müssten. Nur im Bereich des Biochemischen wird es mit der Verständlichkeit etwas schwierig. Die historischen Zusammenhänge sind zum Teil sehr detailliert beschrieben und durch Literatur belegt. Zu jedem Kapitel verweist LANGE auf weiterführende Literatur, wobei die erhebliche Anzahl englischsprachiger Titel auffällt, die er auch selbst nutzte. Außerdem hat sich der Autor mit der Übersetzung des Buches von NILES ELDREDGE „Wendezeiten des Lebens“ verdient gemacht. Ich betrachte LANGEs Ausführungen als anerkennenswerte Ergänzung des Buches von JOHN L. CASTI „Verlust der Wahrheit“ sowie von BROAD und WADE „Betrug und Täuschung in der Wissenschaft“.
Die einzelnen Kapitel berühren in sich geschlossene Sachverhalte, lassen aber die oben angedeuteten Zusammenhänge immer wieder erkennen. Sie werden überwiegend auf eine solche Weise eingeleitet, die das Interesse am Weiterlesen fördert. Manche der Mythen verbindet LANGE mit einer Problemgeschichte, z. B. bei der Vererbung erworbener Eigenschaften und den Beziehungen von Gruppen- und Individualselektion. Er liefert sehr detaillierte Beschreibungen biologischer Experimente und weist nach, wie schnell Ungenauigkeiten und Fehler beim Experimentieren zu falschen Erkenntnissen führen. Er zeigt, dass Wissenschaftler auch nur Menschen sind, die sich irren können und die genau wie jeder andere der Verlockung von Ruhm und Macht erliegen.
Insofern hat ERICH LANGE – das unterstelle ich ihm hier – sein Buch nicht nur für Biologen, auch nicht nur für Wissenschaftler geschrieben. Jeder an Wissenschaft und gesellschaftlicher Entwicklung Interessierte, jeder, der zum selbständigen freien Denken willens ist, kann daraus mannigfaltige Anregungen für eigene Lebensauffassungen und Erkenntnisse gewinnen.

LANGE, ERICH: Der Morgenrötemensch und andere wissenschaftliche Mythen aus der Biologie. – Neustadt/Rbge. : Lenz, 2004. – ISBN 3-933037-44-1. – 210 S. - 17,90 €

Weitere Literatur:
BROAD, W. ; WADE, N.: Betrug und Täuschung in der Wissenschaft. – Basel, 1984.
CASTI, J. L.: Verlust der Wahrheit. Streitfragen der Naturwissenschaften. – München : Droemer Knaur, 1990.
ELDREDGE, N.: Wendezeiten des Lebens. Katastrophen in Erdgeschichte und Evolution. – Frankfurt/M. ; Leipzig : Insel Verlag, 1997.
MAYR, E.: Evolution – Grundfragen und Missverständnisse. – In: Ethik und Sozialwissenschaften. – Opladen 5(1994)2.

Dr. Dr. JAN BRETSCHNEIDER