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Bild Religi├Âser Pluralismus und Deutungsmacht in der Reformationszeit

Religi├Âser Pluralismus und Deutungsmacht in der Reformationszeit

Kategorie:
NEUERSCHEINUNGEN
Bestellnr:
21110
Autor:
Freie Akademie e.V.
Ausf├╝hrung:
156 S., kart.
ISBN:
978-3-923834-34-1
Erschienen:
02.02.2017
Verlag:
Freie Akademie e.V.

19,90 €*
*incl. 7% MwSt


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Inhalt:

Die Freie Akademie widmet den Band 36 ihrer Schriftenreihe dem Thema „Religiöser Pluralismus und Deutungsmacht in der Reformationszeit“. Damit wird ein Beitrag zum Luther-Jahr 2017 geboten.
Reformation bezeichnet im engeren Sinn eine kirchliche Erneuerungsbewegung zwischen 1517 und 1555 bzw. 1648, die zur Spaltung des westlichen Christentums in verschiedene Konfessionen (römisch-katholisch, lutherisch, reformiert) führte. Die Reformation wurde in Deutschland überwiegend von Martin Luther (1483–1546), in der Schweiz von Huldrych Zwingli (1484 – 1531) und Johannes Calvin (1509 – 1564) angestoßen. Ihr Beginn wird allgemein auf 1517 datiert, als Martin Luther am 31. Oktober des Jahres seine 95 Thesen an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg geschlagen haben soll, aber ihre Ursachen und Vorläufer reichen weiter zurück. Als Abschluss kann allgemein der Augsburger Reichs- und Religionsfrieden von 1555 bzw. letztlich der Westfälische Frieden von 1648 betrachtet werden.


Die Geschichte der protestantischen Kirchen war von Anfang an von Intoleranz gegenüber „Abweichlern“ geprägt mit der Folge, dass die evangelischen Amtskirchen bis heute aufs Ganze gesehen unter einem Pluralismusdefizit leiden. Freilich sind immer die einzelnen Amtsträger individuell zu betrachten. Doch veranschaulichen „die evangelischen Amtskirchen“ bis heute die These von Ernst Troeltsch, dass dissidente protestantische Bewegungen mehr in die Moderne führten und führen als die lutherische Konfession. Die Diskussion über all diese Sichtweisen zeigte deutlich ein Interesse der Versammelten auch an der Bedeutsamkeit des historischen Geschehens für unsere heutige Gesellschaft, die labil und fragil zwischen dem Postulat radikaler Offenheit und den Rufen nach Minimalkonsens und Leitkultur schillert.


Rezension:
Rezension aus: Zeitschrift für Sozialökonomie, 192/193. Folge, Mai 2017

Ulrich Bubenheimer & Dieter Fauth (Hrsg.) Religiöser Pluralismus und Deutungsmacht in der Reformationszeit


(Schriftenreihe der Freien Akademie, Bd. 36)


Neu-Isenburg: Angelika Lenz Verlag 2017. 156 Seiten

Dieser Sammelband betrachtet die Reformationszeit (1517-1555) unter den Gesichtspunkten von Pluralismus und Deutungsmacht. Der Schwerpunkt des Interesses liegt dabei auf Akteuren, die sich keiner Deutungsmacht unterwerfen wollten, auch nicht der damals neu aufkommenden reformatorischen. Ein Hauptbeitrag zur Formation des Kapitalismus während der Reformationszeit, mit dem das Buch eröffnet wird, orientiert sich ebenfalls an diesem Leitinteresse. Er zeigt auf, wie der Protestantismus egalitäre sozialökonomische Bestrebungen klein gehalten und stattdessen zur Formation des Kapitalismus beigetragen hat. Der Autor Fabian Scheidler (*1968), bekannt durch seinen Bestseller „Das Ende der Megamaschine [Kapitalismus] – Geschichte einer scheiternden Zivilisation“, zugleich Scheidlers Hauptthese für die Interpretation der Gegenwart, will zeigen, wie die Reformationhszeit zur Ausbildung dieser Megamaschine Kapitalismus beigetragen hat.


 Nach Scheidler hat sich das kapitalistische Weltsystem, in dem wir heute noch (!) leben, auch im Widerstand gegen die egalitären Bewegungen vor und während der Reformationszeit herausgebildet. Als solche egalitären Bewegungen verweist er z.B. auf die Armutsbewegungen ab dem 13. Jahrhundert (Franz von Assisi, Joachim von Fiore), das Hussitentum oder die sozialrevolutionären Bewegungen des deutschen Bauernkriegs (1524-1526). Die Antwort der Macht auf Egalitätsbewegungen seien Ideologie (Kirche), Militär (konkurrierende Militärstaaten) und eben endlose Kapitalakkumulationen gewesen. Durch diese drei Säulen seien die aus der klassischen Antike erwachsenen Mythen der Moderne – Zivilisation, Vernunft, Fortschritt und Entwicklung – zu Monstern der Moderne geworden. Hervorgebracht wurden eben auch Inquisition, Hexenprozesse, Folter, Blutgesetzgebung, ökonomische Spaltung oder die Entrechtung der Frauen. Solche Erscheinungen seien entgegen heute weit verbreiteter Geschichtsvorstellungen nicht primär Phänomene des Mittelalters, sondern der frühen Neuzeit und also auch der Reformationszeit. In dieser „Epoche der Monster“ kommen mit Martin Luther (1483-1546) Kirchengüter in die Hand der Landesherren und also gegen Thomas Müntzer (vor 1489-1525) nicht der Kommunen. Gemeinbesitz und Allmende werden marginalisiert. Reformdynamik gespeist aus der Apokalyptik (Müntzer, Albrecht Dürer [1471-1528], Nürnberger Schule) mit ihrer Erwartung einer Welt der Gleichen wird als schwärmerisch diffamiert und obrigkeitliche Ordnung dagegen gestellt. Insgesamt setzt sich mit der Reformation eine (neue) autoritäre, fürstenstaatliche Struktur durch. Nach der Zerschlagung egalitärer Strukturen in der Reformationszeit, z.B. in Bauernkrieg und Täuferbewegung (1535), waren in Deutschland egalitäre Bewegungen über Jahrhunderte diskreditiert bzw. zerstört. Skepsis gegenüber grundlegenden Reformen oder gar revolutionären Entwiclungen saß (und sitzt) bei den meisten Deutschen tief. Z.B. erfolgte die Befreiung der Bauern von der Schollengebundenheit in Deutschland erst am Ende des 19. Jahrhunderts. Die reformatorische Bewegung trägt bis heute nichts Wesentliches zur Übersindung der Schatten des Kapitalismus bei. So muss sich jeder Leser mit dem unangenehmen Gedanken befassen, dass unser heutiger Wohlstand und unsere Kultur wesentlich auf Mord, Raub und Ausbeutung beruhen sollen und die positiven Kräfte von Tugenden, Vernunft, Fortschritt, Entwicklung vor allem Mythos sei. Beeindruckend an diesem Beitrag ist es, wie der Autor große historische Entwicklungslinien bei gleichzeitig genauer historischer Detailtreue aufzuzeigen vermag, was in der Kürze dieser Besprechung nicht vermittelt werden kann.


Auch wegen der weitgehenden sozialökonomischen Blindheit der Reformation ist es dem Sammelband wichtig, statt einem auf Luther fixierten heutigen Verstehen der Reformation dissidente Bestrebungen der Reformationszeit und deren Rezeption bekannt zu machen. Günther Vogler tut dies mit einem Blick auf die marxistische Deutung der Reformation. Ulrich Bubenheimer zeigt, wie sich Gläubige dem Druck der reformatorischen Orthodoxie durch die Pflege einer privaten subjektiven Religiosität entzogen. Dieter B. Herrmann zeigt im Bereich von Astronomie und Astrologie, wie diese Wissenschaften der reformatorischen Theologie voraus waren. Dieter Fauth thematisiert, wie es auch in der Reformationszeit einen Umgang mit Juden und Judentum gab, der im Gegensatz zu Luther auf Verständnis hin orientiert war. Und Alejandro Zorzin zeigt, wie aufkommender Pluralismus in der Reformationszeit von verschiedenen Parteiungen durch eine öffentliche Demontage des Anderen verhindert werden sollte, und mahnt vor den heute entsprechend eingesezten „shitstorms“. Mit diesen fünf weiteren Beiträgen kann dem Leser die strukturelle Parallele zwischen Ökonomie (Kapitalismus) und Kultur (Vereinheitlichung) deutlich werden, ohne dass dies freilich dort explizert würde. Bis heute befördert eine Akkumulation von Kapital in der Gesellschaft eine Nivellierung in allen Kulturbereichen.


Dieter Fauth