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Bild Philosophischer Briefwechsel Arthur Drews - Alma u. Eduard v. Hartmann 1888-1906

Philosophischer Briefwechsel Arthur Drews - Alma u. Eduard v. Hartmann 1888-1906

Kategorie:
NEUERSCHEINUNGEN
Bestellnr:
21160
Autor:
Eckhart Pilick (Hg.)
Ausf├╝hrung:
654 Seiten, kart.
ISBN:
978-3-943624-78-6
Erschienen:
21.11.2022
Verlag:
Angelika Lenz Verlag

39,80 €*
*incl. 7% MwSt


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Inhalt:

Der Briefwechsel zwischen Hartmann und Drews ist ein kostbares Dokument, ja Monument der philosophischen und ethischen Größe und Weite dieser beiden Denker. Es ist zu wünschen, dass seine Veröffentlichung diese zwei Philosophen viel stärker als bisher ins Rampenlicht der Öffentlichkeit hebt, damit ihre Ideen und Inspirationen für uns nicht verloren sind.
Er stellt einen hochinteressanten, weil konkret-psychologischen Zugang zur Ideenfülle und Persönlichkeit dieser beiden Denker dar. Kein Biograph der beiden könnte derart viele Nuancen und Facetten ihrer Charaktere, ihrer Lebensgeschichte, des ganzen Drumherums rund um die Entstehung und Verlegung ihrer Bücher, der gegen sie gerichteten Widerstände und Intrigen ausfindig machen wie sie dieser Briefwechsel darbietet. Die Größe der Menschlichkeit dieser beiden Denker, die ja immer mit echter Bescheidenheit liiert ist, zeigt sich in ihrem Briefwechsel bisweilen an ganz kleinen Details, so wenn z.B. Hartmann Drews dringend rät, die Hartmannsche Philosophie des Bewussten und Unbewussten nicht so offen und enthusiastisch zu vertreten, weil er sonst keine Chance habe, eine Universitätsprofessur zu erlangen.
Eduard von Hartmann und Arthur Drews sind sicher nicht die bekanntesten und anerkanntesten philosophischen Persönlichkeiten des 19. und des beginnenden 20. Jahrhunderts. Sie beweisen vielmehr in teilweise sogar tragischer Weise – und zwar gerade auch in ihrem Briefwechsel –, dass auch der höchste Grad der Akzeptanz eines Denkers durch den Zeitgeist und eine zeitgenössische Gesellschaft keineswegs ohne weiteres als Maßstab seiner wirklichen philosophischen Bedeutung gelten kann, und dass umgekehrt das weitgehende Ausbleiben dieser Anerkennung noch nichts über den Wert der Ideen eines unbekannt oder wenig bekannt bleibenden Philosophen aussagt.


Rezension:

Eine Perle philosophisch-biographischer Literatur


Arthur Drews/Eduard v. Hartmann, Philosophischer Briefwechsel 1888-1906


Neuausgabe 2022 Angelika Lenz Verlag, 654 Seiten, ISBN 978-3-943624-78-6, € 39,80


Was kann uns schon ein Briefwechsel zweier Philosophen, der vor über 100 Jahren begann und vor fast 100 Jahren auch schon wieder zu Ende ging, heute noch bedeuten, wird mancher fragen. Eine erste einführende Antwort gibt bereits Eckhart Pilick in seinem glänzend geschriebenen Vorwort, das auf nur sieben Seiten[1] eine äußerst informative, substanziell dichte Zusammenfassung der wichtigsten Höhepunkte der Philosophie des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts bietet und als ein kurzes, aber sehr gehaltvolles Kompendium dieses Abschnitts der Philosophiegeschichte qualifiziert werden darf. Wer einen Horror vor voluminösen, dickleibigen Wälzern der Philosophiegeschichte hat, der greife zu dieser Einführung Pilicks, denn sie enthält die Quintessenz jener Erkenntnisse und Einsichten der Philosophiegeschichte des 19. Jahrhunderts, die eine weitreichende Bedeutung für unser Jahrhundert und teilweise sicher noch darüber hinaus haben.


Eduard von Hartmann und Arthur Drews sind sicher nicht die bekanntesten und anerkanntesten philosophischen Persönlichkeiten des 19. und des beginnenden 20. Jahrhunderts. Sie beweisen vielmehr in teilweise sogar tragischer Weise – und zwar gerade auch in ihrem Briefwechsel –, dass auch der höchste Grad der Akzeptanz eines Denkers durch den Zeitgeist und eine zeitgenössische Gesellschaft keineswegs ohne weiteres als Maßstab seiner wirklichen philosophischen Bedeutung gelten kann, und dass umgekehrt das weitgehende Ausbleiben dieser Anerkennung noch nichts über den Wert der Ideen eines unbekannt oder wenig bekannt bleibenden Philosophen aussagt. Im Fall Eduard von Hartmanns ist es sogar im Gegenteil so, dass seine philosophischen Ideen derartiges Neuland darstellten, dass sie zu seiner Zeit weder von der damals herrschenden spekulativen Philosophie noch von den philosophischen Theoriebildungen der positivistischen Spezialwissenschaften akzeptiert werden konnten.


Dabei ist dieser Mann der einzige große Philosoph seiner Zeit, der eine auf höchstem Niveau stehende Synthese zwischen diesen zwei auseinanderklaffenden Richtungen konstruiert, eine Synthese, die auch uns noch sehr viel zu sagen hat und leider sogar von Bewunderern Hartmanns noch gar nicht in ihrer ganzen Bedeutung verstanden und gewürdigt ist.


Ich glaube nicht, dass ich zu viel sage, wenn ich behaupte, dass die wirkliche Verarbeitung und Rezeption der Ideen Hartmanns und des auf ihm aufbauenden und ihn weiterführenden Drews Freireligiösen und freigeistigen Humanisten eine unerhörte Bereicherung und Vertiefung ihres eigenen weltanschaulichen Standpunktes bescheren würde, ihrem Denken, Schreiben und Argumentieren zugleich mehr philosophische Substanz gäbe.


Viele Ideen, die heute als neue angepriesen und verkauft werden, stammen von Eduard v. Hartmann. Tragik des Erfinders oder Entdeckers, dass viele aktuelle Neuerer das gar nicht mehr wissen! Was heute zum Beispiel als Novum der modernen amerikanischen Prozessphilosophie und -theologie teilweise enthusiastisch proklamiert wird: die Natur, die Wirklichkeit als lebendige permanente schöpferische Tätigkeit und nicht als Ergebnis eines einmaligen Schöpfungsaktes, ist relativ lange vorher eine immanent-konsequente These von Hartmanns Identitätsphilosophie gewesen. Wenn heute sogar einige „progressive“ Theologen der beiden christlichen Großkirchen dazu neigen, die Persönlichkeitsaspekte in Gott wegen der Schwächen und Widersprüche eines personalen Gottesbegriffs zu verwischen, ihn als „Über-Person“, „Über-Sein“, als „Dialektik von unendlicher Fülle und Leere“, ja – vor allem im Anschluss an C. G. Jung – als unbewusstes Absolutes hinzustellen, so stehen sie damit, meist ohne es zu wissen, in der Gefolgschaft von Hartmanns „Philosophie des Unbewussten“ (3 Bde., 1868), in der dieser Gott als jenes Unbewusste herausarbeitete, das Substanz und Subjekt, Geist und Natur in einem ist. Die Theorie des Unbewussten beim großen Psychoanalytiker Sigmund Freud ebenso wie seine Verdrängungstheorie stehen ebenfalls im Erbe Hartmanns, ohne dass auch Freud diesem Mann die gehörige Reverenz erweist.


Hartmanns und Drews‘ Theorie des Panentheismus ist jedenfalls ein Konzept, das heute allmählich auch in den Köpfen führender Theologen zu fermentieren beginnt. Sie werden sehr lange brauchen, um hierin zur Klarheit zu kommen, wenn sie nicht auf die originäre Quelle selbst zurückgreifen, nämlich auf die Werke Hartmanns und Drews‘, z.B. auf dessen Werk „Die Religion als Selbstbewusstsein Gottes“ (1906). Nicht ganz zu Unrecht hat man ja gesagt, dass es keinen über den üblichen Durchschnitt hinausragenden Theologen gab, der nicht im Verborgenen pantheistische Gedanken gehegt hätte.


Der Briefwechsel zwischen Hartmann und Drews stellt nun einen hochinteressanten, weil konkret-psychologischen Zugang zur Ideenfülle und Persönlichkeit dieser beiden Denker dar. Kein Biograph der beiden könnte derart viele Nuancen und Facetten ihrer Charaktere, ihrer Lebensgeschichte, des ganzen Drumherums rund um die Entstehung und Verlegung ihrer Bücher, der gegen sie gerichteten Widerstände und Intrigen ausfindig machen wie sie dieser Briefwechsel darbietet. Die Größe der Menschlichkeit dieser beiden Denker, die ja immer mit echter Bescheidenheit liiert ist, zeigt sich in ihrem Briefwechsel bisweilen an ganz kleinen Details, so wenn z.B. Hartmann Drews dringend rät, die Hartmannsche Philosophie des Bewussten und Unbewussten nicht so offen und enthusiastisch zu vertreten, weil er sonst keine Chance habe, eine Universitätsprofessur zu erlangen.


„Ich fürchte“, so Hartmann, „dass das Ihren persönlichen Zwecken nachteilig sein wird. Die Vertreter des Alten lassen mit sich reden, solange es sich um Reformen handelt, aber nicht mehr, wenn Ersatz durch Neubildungen verlangt wird. Ich konnte mir solche Deutlichkeit gestatten, da ich keine Karriere machen wollte; Ihnen könnte es einst leidtun, wenn Sie sich die Karriere ohne Not verderben … Bei Ihrer Art des Angriffes … werden die Theologen alles daransetzen, Ihre Habilitation zu verhindern, und die Philosophieprofessoren werden entweder einstimmen, oder doch nicht für Sie eintreten.“ Ganz so oder ähnlich laufen die Dinge rund um Universitätskarrieren heute noch ab! Drews folgte in diesem Punkt nicht dem feinfühligen Rat Hartmanns. Er kehrte seine antikirchliche und antichristliche Gesinnung weiterhin deutlich heraus, zwar ganz im Sinne seines väterlichen Freundes, der ebenfalls überzeugt war, dass die Überwindung des Christentums die unabweisbare Forderung der modernen Kultur sei, aber eben ohne alle Diplomatie, so dass ihm die Gattin Hartmanns, als dieser todkrank nicht mehr die Feder halten konnte, schrieb: „Sie gehören zu den Märtyrern Ihres Glaubens.“


Der Briefwechsel Hartmann-Drews ist auch deshalb eine Perle philosophisch-biographischer Literatur, weil er Plejaden wichtiger Zeitgenossen dieser beiden in ihrem privaten Bereich wie in ihrem öffentlichen Wirken erweckt, uns neu zu Bewusstsein bringt.


Am Ende dieses Briefwechsels zeigt sich noch einmal die ganze Größe des Philosophen Eduard v. Hartmann in seiner Menschlichkeit. Die immensen Schmerzen und Leiden seiner Todeskrankheit, die seinen Arzt, Professor Litten, zu dem Ausruf veranlassen: „Dies Ende ist schrecklich!“, können Hartmann nicht dazu bringen, die Geduld und die Dominanz des Bewusstseins zu verlieren. „Die große Klarheit und das völlig bewusste langsame Sterben“, notiert Hartmanns Frau in einem Brief an Drews, und sie fragt sich bekümmert: „Wann wird dieser starke Geist aufhören, den siechen Körper zu beherrschen?“


Der Briefwechsel zwischen Hartmann und Drews ist ein kostbares Dokument, ja Monument der philosophischen und ethischen Größe und Weite dieser beiden Denker. Es ist zu wünschen, dass seine Veröffentlichung diese zwei Philosophen viel stärker als bisher ins Rampenlicht der Öffentlichkeit hebt, damit ihre Ideen und Inspirationen für uns nicht verloren sind.


Hubertus Mynarek


Diese Besprechung erschien zur 1. Auflage des Briefwechsels in  WoD 7/1995.


 


[1] In dieser Neuausgabe wurde die Einführung auf 18 Seiten erweitert.