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Moral des Lernens

Vom Umgang mit unserer Unvollkommenheit

Kategorie:
Humanistische Ethik
Bestellnr:
20925
Autor:
Rozin, Peter
Ausf├╝hrung:
179 S., kart.
ISBN:
978-3-933037-24-4
Verlag:
Angelika Lenz Verlag

13,50 €*
*incl. 7% MwSt


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Inhalt:

Der Autor: "Angesichts dieses Versagens vieler Traditionen, Institutionen und Weltanschauungen bin ich bis heute von der Fülle der grausamen Geschehnisse geschockt. Mein sehnlichster Wunsch war es, herauszubekommen, warum es immer wieder zu solch riesigen Fehlern kommen konnte. Ich wollte - wie Millionen andere auch - wissen, warum wir so wenig Positives aus unserer gemeinsamen Geschichte festhalten können. Bei meinen Untersuchungen stieß ich immer wieder auf einen gemeinsamen Nenner: das Lernen. Es wurde ein Zusammenhang überdeutlich: Wenn unsere immense Lernfähigkeit und Lernbereitschaft gebremst oder unterdrückt oder irregeleitet wird, dann verlieren wir Realität und beginnen in wahnhaften Fantasien zu leben. So wurde für mich - nach und nach - das Lernen zum positiven Angelpunkt all meiner Überlegungen. Deswegen spielt auch das modellhafte Identitäts-Konstrukt "der Lerner" eine tragende Rolle in meinen Ausführungen."


Rezension:

PETER ROZIN, Moral des Lernens. Vom Umgang mit unserer Unvollkommenheit, Angelika Lenz Verlag, Neustadt a. Rübenberge 2001, 179 Seiten, ISBN 3-933037-24-7 Der Titel des Buches verrät bereits das Grundanliegen: Nicht der - zweifellos sehr schätzenswerte - „Besitz“ an Wissen, sondern die Mühsal der eigenen Anstrengung durch eigenes Forschen und Erfahren erweitert unsere Kräfte und lässt uns ein wenig vollkommener werden. Interessanterweise ist das ein Anliegen, das ein gut Teil der Bemühungen der Aufklärung, von der frühen an, - genannt seien hier nur Leibniz, Lessing, Kant, über die Klassik Goethe, Schiller, Fichte, Hegel, Humboldt u.v.a. - bis in unsere Gegenwart zieht. Lernen als tätigen Umgang mit unserer Unvollkommenheit unter dem Aspekt der Moral, als moralisch wertvoll zu begreifen, bedarf in abstracto keiner großen Mühe; die Probleme beginnen, wo es konkret wird. Und genau dies aufzuweisen und nach Wegen einer Moral des Lernens zu suchen, die Unvollkommenheiten und auch Fehler bei redlichem Bemühen nicht mit pejorativem Urteil belegen, ist Peter Rozins sehr zu begrüßendes Anliegen. Im Stichwort "Verehrung" lesen wir: "Personenverehrung gipfelt sehr oft im Personenkult", der allzu häufig zum Weben von "Legenden" und von da "mit Tatsachen-Ignoranz" einhergeht (S. 164). Dabei bleibt die Tatsache der Unvollkommenheit und manches Fehlverhaltens auf der Strecke. Dem stellt der Autor gegenüber: "Der Lerner hat Respekt vor der Unvollkommenheit. Er hat Respekt vor der Bemühung" (S. 165). D. h., er hat Respekt vor der geistigen Arbeit des Menschen, einem Wesen, das "auf eigenen Füßen" stehen können muß. Zu solchem Menschenbild gehört auch der Aspekt: "Wir Menschen sind in der Situation eines Computer-Users ohne Handbuch" (S. 179). Dem darauf fußenden Anliegen zu folgen ist umso angenehmer, als Peter Rozin sein Büchlein in der Form eines Nachschlagewerks, nach Stichworten geordnet, angelegt hat. Dies will und kann kein Konkurrenzunternehmen zum Lexikon sein, erhebt keinen Anspruch auf Wissenschaftlichkeit, verzichtet also auch auf Quellenverweise (S. 7/8). Ich halte solche Schriften aus der persönlichen Erfahrung von Freidenkern für Freidenker für wichtig. Sie ergänzen wissenschaftliche Literatur nicht einfach nur, sondern sind auch in mancher Hinsicht ein Korrektiv theoretischer Überlegungen und drücken damit aus, daß die Bewegung freien Denkens keine "rein" akademische Angelegenheit ist. Wie es in der Natur eines solchen Unternehmens liegt, wird kritische Betrachtung evoziert und erwartet. Zwangsläufig behandelt der Autor eine Reihe traditioneller Lexikon–Stichwörter. Um nur einige zu nennen: Bewusstsein, Demokratie, Fortschritt, Freiheit, Ich, Lernen etc. sind ebenso vertreten wie Verantwortung, Wahrheit, Werten und Zeit. Aber er behandelt auch Themen, denen wir alltäglich begegnen, und nach denen man in gängigen Nachschlagewerken schon etwas länger nach bündiger Aufklärung suchen muß. Wo erfährt man sonst schon Genaueres über Abgrund, über Halt oder Nüchternheit, über Fehler und Unvollkommenheit usf. unter dem Aspekt der Moral? Ich kann hier nicht umhin darauf hinzuweisen, daß Peter Rozin damit einige Probleme behandelt, die mit der jüngsten PISA-Studie (welche er beim Abfassen seiner Artikel noch nicht kennen konnte) auf sehr drückende Weise ins Bewusstsein unserer Öffentlichkeit gerückt worden sind. Aber auch traditionelle Stichworte wie "Ich" werden ergänzend unter dem Aspekt des Lernens flankiert durch Stichworte wie "Ich-Entwicklung", "Ich-Fähigkeiten", "Ich-Nähe". Das Stichwort "Lernen" wird durch "Lernerwartung" und "Lerngrenzen" ergänzt. Aber, um mehr über Lernbereitschaft, Lernfähigkeit oder Lernresistenz zu erfahren, muß man z.B. in das Stichwort "Erneuerung" (S. 48f.) schauen. Ich will hier die Aufzählung nicht um andere Stichworte vermehren. Durchgängig fällt auf, daß Peter Rozin auch dort, wo man ihm begründet widersprechen kann, interessante, anregende, bedenkenswerte Aspekte des Problems zur Diskussion stellt. Wer Wert auf größere Vollständigkeit legt, sollte daran auf jeden Fall nicht vorbeigehen. Der Stil der Darstellung ist klar und eingängig. In vielen Artikeln, z.B. ganz ausgeprägt bei "Ich-Fähigkeiten" (S. 76 - 79), gibt er systematische Darstellungen der Probleme und Lösungsansätze, die den Pädagogen verraten. Das ist seine Stärke. Aber darin dürften auch einige Probleme liegen. Mir scheint, dass eine durchaus kritische phänomenologische Betrachtungsweise, weitgehend subjektiv bestimmte Beschreibung von Sachverhalten bei Dominanz des psychologischen Moments, die meisten Artikel bestimmt. Das drückt sich u.a. darin aus, dass das Ich, das der humanitären Intention des Autors gemäß mit voller Berechtigung in seinem menschlich selbstbewussten Daseinsverständnis gestärkt werden soll, meist nur in seiner geistigen Subjektivität erfasst wird. Aus dem Blick fällt damit häufig, dass dieses Ich kein "reines", von den objektiven Bedingungen seines gesellschaftlichen Daseins losgelöstes Subjekt sein kann. Z.B. können bereits infolge des Platzes eines Elternhauses in den ökonomischen und soziokulturellen Verhältnissen des jeweiligen Gemeinwesens, seiner realen Bedingungen und Möglichkeiten, Lernmotivation, -bereitschaft und/oder Art des Lernens, des Bildens eigener Erfahrungen sehr verschieden von den Bedingungen anderer ausfallen. Zwar wird die Persönlichkeitsentwicklung nicht auf mechanische Weise durch Umwelteinflüsse oder durch ideologische "Injektionen" fremd bestimmt, aber das Individuum muß sein individuelles Wesen durch seine eigene Anstrengung in einem bestimmten sozialen Milieu herausarbeiten, um dem Leben gewachsen zu sein. Dieser Aspekt, dessen soziale Konsequenz für die Schule ja ebenfalls in der PISA-Studie angesprochen wird, scheint mir bei Peter Rozin unterbelichtet zu bleiben. Das wirkt sich z.B. auch bei der Behandlung solcher Probleme wie "Begründungen" aus, wo er viel Berherzigenswertes sagt. Dennoch bleibt die Frage offen, ob nicht vor den Begründungen das weitgehend selbständige, Erfahrung bildende Ergründen steht, das nun im Alltag wiederum nicht unabhängig vom Platz der Individuen im Gesamt der gesellschaftlichen Verhältnisse möglich ist. Problematisch erscheint mir auch die durchaus treffende geistige Zustandsbeschreibung am Anfang des Stichwortes "Individuum" (S. 84) zu sein. Ist es wirklich und notwendig so, dass "der Preis des Eigenen... die Vereinzelung, auch die Vereinsamung ist", und dass wir "desto mehr aus vorgegebenen Gemeinschaftstraditionen" herausfallen, je mehr Eigenständiges wir verwirklichen? Machen wir uns nichts vor: So ist es in vielen Fällen, und der Autor berichtet aus eigenen Erfahrungen. Muss es immer so sein, vor allem angesichts der Tatsache, dass der "Zwang zur Individualisierung" täglich spürbar, und "dass ohne Eigenes keine Freiheit möglich ist" (S. 85)? Gab oder gibt es nicht auch schon wirkliche Verhältnisse, in denen Individualität der Persönlichkeit mit der entsprechenden Achtung vor der Originalität des Einzelnen geradezu Bedingung der Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft war? So viel mir bekannt, war dies z.B. im Forschungsinstitut von Manfred v. Ardenne in Dresden so. Und auch ich habe solches in anderer Form zeitweilig auch selbst erlebt. Daran knüpft sich die weitere Frage: Ist Individualität stets identisch mit Privatheit? Lassen wir es dabei bewenden. Durchgängig äußert sich der Autor als entschiedener Demokrat. Verdienstvollerweise tut er das auch als Denkprinzip, wobei er die innere Einheit von Freiheit und Verantwortung hervorhebt: "Es gibt keine Freiheit, ohne dass ich mein Leben verantworte" (S. 164); auch an Stellen, wo mancher diesen Bezug nicht vermutet. Das macht einen gesonderten Artikel über Demokratie (S.26–29) keineswegs überflüssig. Aber es scheint, dass er hier eher das Ideal von Demokratie behandelt denn die Wirklichkeit eines bestehenden demokratischen Gemeinwesens. Das ist keineswegs verkehrt, weil natürlich auch das Ideal Ausdruck eines wirklichen Bedürfnisses ist. "Demokratie ist die einzige Organisationsform einer lernenden Gesellschaft, in der das gewaltige Lernpotential der Einzelnen in die soziale Veränderung und Entwicklung voll eingebracht werden kann" (S. 26) - ein theoretisch folgerichtiger und praktisch verlockender Gedanke. Aber angesichts der unter "Individuum" eingangs geschilderten Probleme und in Anbetracht einer Fülle arbeitsloser hochqualifizierter Kräfte, denen mit dem pejorativ besetzten Gerede vom Überqualifiziertsein ein Grund für Nichtbeschäftigung entgegengehalten wird, doch wohl ein gutes und akzeptables Ideal, das verteidigungs- und verwirklichungswürdig ist, nicht die Wirklichkeit. Viele der ausgezeichneten Betrachtungen von Beziehungen zwischen Demokratie und Qualitäten geistiger Arbeit (friedlicher Disput etc.) scheinen auszuklammern, dass eben nicht nur die politische Staatsmacht, sondern auch die ökonomische Macht der Monopole und ihrer Verbände, sowie die Macht der an ökonomischer Konkurrenz primär orientierten Medien besteht, die manchen Anstrengungen demokratisch gesinnter Individuen auch in der geistigen Arbeit stark entgegenwirkt. Tendenziell ist ja in den Demokratien des Westens die Zentralisation der ökonomischen und der Medien-Macht real im Wachstum begriffen. Im Rahmen dieser Besprechung soll nur darauf aufmerksam gemacht werden, dass auch die Auffassungen zur Wahrheit diskussionswürdig sind. Einig sind wir uns sicherlich darin, dass absolute Wahrheit im Sinne einer vollkommenen und abschließenden Welterkenntnis, die Erkenntnis des Menschen eingeschlossen, ein Grenzwert ist, der die Menschheit und damit uns jedoch - mit Johann Gottlieb Fichte zu reden - hinsichtlich der Erkenntnistätigkeit vor eine unendliche Aufgabe stellt. Die eigentlichen Probleme liegen beim Verständnis der Objektivität, aber auch der Relativität der Wahrheit. Sobald man diese auf das erkennende Subjekt bezieht, fragt sich, ob damit die Menschheit oder das einzelne Individuum gemeint ist, ob der Inhalt selbst etwas rein Ideelles oder etwas Wirkliches in ideeller Form ist. Je nach der Antwort ergeben sich sehr unterschiedliche Weisen des Verständnisses. Ein Problem möchte ich noch benennen. Es betrifft nicht nur Peter Rozin. Das ist das Verhältnis zu Idealen, Anschauungen, Wertvorstellungen etc., die in der aufklärerischen Tradition stehen. Man hört häufig, die Aufklärung habe "versagt". Anklänge an solche Ansicht scheinen mir im Vorwort vorzuliegen. Ich frage mich: Stimmt das? Hat wirklich die Aufklärung versagt? Wenn ich an die erste der "Unzeitgemäße(n) Betrachtungen" von Friedrich Nietzsche denke, so scheint mir eher, dass führende Kreise der Gesellschaft unter formaler Berufung auf Aufklärung und klassischen Humanismus von deren Inhalten abgerückt sind - nicht aus Bosheit, sondern infolge ihrer realen sozialökonomischen und politischen Interessenlage. Es fällt dem Rezensenten schwer, an dieser Stelle einen Schlusspunkt zu setzen. Die "Moral des Lernens" ist ein interessantes Buch, das eben nicht bündige Antwort auf jede Frage gibt, sondern zur Diskussion reizt. Selbst dort, wo man sich gedrängt fühlt, in manchem dem Verfasser zu widersprechen, öffnet seine Art der Fragestellung und Behandlung Ausblicke auf neue, bedenkenswerte Probleme, bereichert auch den Widersprechenden um die Sicht auf Probleme oder auf Aspekte von Problemen. Und das ist in einer Zeit tiefgehender Wandlungen eine unverzichtbare "Anzettelung" zu Nachdenklichkeit und zu fairem Dialog. HANS–GÜNTER ESCHKE