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Bild Wertbewusstsein im Spiegel von Religion und Postmoderne

Wertbewusstsein im Spiegel von Religion und Postmoderne

Zur Entwicklung der Moralwissenschaft ...

Kategorie:
Freigeistige Weltanschauung
Bestellnr:
20990
Autor:
Satter, Erich
AusfĂĽhrung:
456 S., kart.
ISBN:
978-3-933037-59-6
Verlag:
Angelika Lenz Verlag

24,90 €*
*incl. 7% MwSt


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Inhalt:
... sowie der Beziehung von Ästhetik und Ethik im religiös-weltanschaulichen Spannungsfeld zwischen Moderne und Postmoderne


Nicht zufällig zum 150-jährigen Bestehen des Bundes Freireligiöser Gemeinden Deutschlands (BFGD) legt der promovierte Philosoph und Religionswissenschaftler Erich Satter dieses Buch vor, das sich mit der Beziehung zwischen Ästhetik und Ethik befasst. Der Autor, der auch Ehrenmitglied des BFGD und ein profilierter Kenner der säkularisierten Gemeinschaften ist, sieht dabei – im Sinne von Aristoteles – in seiner postmodernen Betrachtung die richtige Mitte zwischen Dawkins’ Atheismus und Küngs Metaphysik.

Einen Schwerpunkt bildet das Spannungsfeld der säkularisierten Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften zwischen Moderne und Postmoderne. Es wird aber nicht nur versucht alle diese Organisationen auf ihre Inhalte und Ziele hin zu untersuchen, sondern sie auch schwerpunktmäßig zuzuordnen.

Da Erich Satter eine wissenschaftsjournalistische und keine enzyklopädische Sprache wählt, bleiben seine Ausführungen flüssig und leicht lesbar. Außerdem enthält das Werk mit der Theorie einer „Zweiten Achsenzeit“ eine neue Sichtweise auf eine religiös-weltanschauliche Neuorientierung.
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Rezension:Wolfgang Deppert:
Eine zweite Achsenzeit
Erich Satter: Wertbewusstsein im Spiegel von Religion und Postmoderne
Erschienen in: "unitarische blätter" Heft 1 Jan./Feb.2011, S. 59

Es ist ein Buch, das in die Zukunft weist; denn es spricht eine Fülle von geistig-seelischen Problemen an, die einigen Menschen bereits bewusst sind, die aber von der großen Mehrheit der Bevölkerung nd auch von der großen Mehrheit der Intellektuellen noch gar nicht in ihrem vollen Umfang erkannt sind. Besonders lesenswert ist dieses Buch schon deshalb, weil Satter diese Problemstellungen vor dem Hintergrund nicht nur der bereits gut bekannten Weltreligionen diskutiert, sondern ganz besonders in Bezug auf die neuen gemeinschaftlich organisierten Religionsformen wie etwa bei den Freireligiösen oder den Unitariern. Aber auch all jene neuen Gemeinschaftsformen, die sich gar nicht als religiös bezeichnen, weil sie den Religionsbegriff überhaupt ablehnen, finden in Satters Buch eine genaue Beschreibung und Würdigung. Dies ist besonders darum lobenswert, weil Satter durchaus die geistesgeschichtlich sowie philosophisch-systematisch unhintergehbare Bedeutung des Religionsbegriffs erfasst, weil die Sinnstiftungsfähigkeit des Menschen an diesem Begriff hängt, der darum unlösbar mit dem Begriff der Menschenwürde und sogr mit den sogenannten undefinierbaren Grundbegriffen aller Wissenschaften aufs Engste verbunden ist.
Darum ist die sachliche und die grundlegende Klärung de Religionsbegriffes eines der wichtigsten Probleme, dem sich Satter auch sogleich in seinem ersten Kapitel zuwendet. Dabei stellt er nahezu eine Überfülle von Aspekten des Religionsbegriffes zusammen, insbesondere in seiner sehr reichhaltigen Zitatensammlung. Da es noch immer viele Leute gibt, die den Gottesbegriff fest mit dem Religionsbegriff verbunden sehen, obwohl dies schon in Ciceros Definition des Religionsbegriffes ausdrücklich nicht der Fall war, untersucht Satter auch den Gottesbegriff in seiner gründlichen Art auf sehr systematische Weise und ebenso die Fehlerhaftigkeit jeglicher Form von Gottesbeweisen.
In seinem zweiten Kapitel stellt Erich Satter die Weltreligionen in einem durchaus ins Detail gehenden Überblick dar, so dass man sich gut über die verschiedenen Varianten der Weltreligionen informieren kann. In seiner Tabelle über die zahlenmäßige Verteilung der Weltreligionen findet sich die erstaunliche Feststellung, dass über die Hälfte der Weltbevölkerung zu keiner der Weltreligionen gehört. Für Satter geht es auch darum, die wichtigsten Beziehungsfelder zum Religionsbegriff auszuleuchten, und dazu gehören gewiss die Begriffe „Moral“, „Ethik“, „Ästhetik“ und „Kunst“, die er im dritten und vierten Kapitel systematisch und historisch behandelt, dabei nimmt die Musik eine Sonderrolle ein.
Das weitaus längste, fünfte Kapitel ist als „Symptome einer ‚Zweiten Achsenzeit’“ überschrieben und ist für alle undogmatisch denkenden und handelnden Menschen von größtem Interesse, da darin wohl alle Strömungen und Gemeinschaftsformen des freien Denkens, Fühlens und Handelns in den Fragen bezüglich des menschlichen Sinnsuchens und Sinnfindens gründlich behnadelt werden. Während die Zeit, in der die ersten großen, weitgehend jedoch dogmatisch bestimmten Sinnstiftungssysteme entstanden, von Karl Jaspers als die Achsenzeit bezeichnet wurde, hat Erich Satter ganz recht, wenn er betont, dass wir in einer Zeit leben, in der grundsätzlich neue undogmatische Sinnstiftungsmöglichkeiten entdeckt und gemeinschaftlich erprobt werden, die in Anlehnung an Jaspers sehr wohl als eine zweite Achsenzeit bezeichnet werden könnte. Dieses Kapitel ist eine Fundgrube über Geschichte, Struktur und Zielsetzungen der vielen Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften der freireligiösen, freigeistigen und unitarischen Gedankenwelt in Deutschland sowie ihrer nationalen und internationalen Dachverbände. Satter liefert ebenso gute Besprechungen über betont undogmatische wissenschaftliche sowie kultur- und gesellschaftspolitisch engagierte Vereinigungen wie die Freigeistige Aktion, die Freie Akademie, die Giordano-Bruno-Stiftung und die Humanistische Union. Außerdem betont Erich Satter die Wichtigkeit einer intensiveren Zusammenarbeit dieser Gruppen für das Entstehen einer zweiten Achsenzeit.
Besondere intellektuelle Leckerbissen sind das sechste Kapitel zur Ethik Ludwig Feuerbachs ebenso wie das siebte Kapitel über Recht und Moral. Dabei wird sehr deutlich, dass Feuerbach nicht bloß der große Religionskritiker ist, sondern dass er darüber hinaus ein Religionsphilosoph ist, der dem Religionsbegriff durchaus positiv gegenübersteht, wenn es um religiöse Inhalte geht, die den Menschen zur Erkenntnis seiner selbst führen. Ablehnend steht Feuerbach nur den dogmatischen und konfessionellen religiösen Inhalten gegenüber, obwohl er sogar diesen noch Einsichten über das menschliche Wesen zu entnehmen weiß. Ferner wird auch das Verhältnis von Recht und Moral besprochen, wobei der Verfasser allerdings den gleichen Fehler wie Hans Kelsen begeht, indem er meint, es müssten Moral und Recht stets getrennt sein. Richtiger ist vielmehr, dass Recht und Moral nur nicht identifiziert werden dürfen, dass aber dennoch im Sinne Kants das Recht als verrechtlichte Ethik anzusehen sein sollte, wobei es sich freilich nur um die Teile von Ethik und Moral handeln kann, die aus generell humanistischen Überlegungen entsprechend verallgemeinerungsfähig sind. Da der Autor sich mit seinen Positionen und Auseinandersetzungen in die strittigen Bereiche der philosophischen Gegenwartsdiskussion begibt, kann es gar nicht ausbleiben, dass er bisweilen an Positionen festhält, die für mein Dafürhalten überholt sind. Dies gilt etwa noch für die Unterscheidung von Moderne und Postmoderne, besonders aber für die Bestimmung des Metaphysikbegriffs. Seit Kant sollten wir den Begriff der Metaphysik, so wie er, in sehr klarer Weise bestimmen, indem Metaphysik aus den Bedingungen der Möglichkeit von Erfahrung besteht, so dass jede Erfahrungswissenschaft eine möglichst klar zu bestimmende Metaphysik als Grundlage all ihres wissenschaftlichen Arbeitens besitzt, so dass es ein nachmetaphysisches Zeitalter nicht geben kann, solange noch Wissenschaft und Erfahrungen für den Menschen von Bedeutung sind, und das wird wohl auch immer so bleiben.
Insgesamt aber bietet das Buch eine sehr genaue Darstellung und durchaus auch kritische Auseinandersetzung mit den vielen verschiedenen Denkanstößen aus der gesamten freigeistigen, freireligiösen und unitarischen Ideenwelt, aus der allerdings nur dann eine zweite Achsenzeit werden wird, wenn sich diese verschiedenen undogmatischen und zu gegenseitiger Toleranz verpflichteten geistesgeschichtlichen Entwicklungen zu intensiver Zusammenarbeit zusammenraufen und die Zukunftsaufgaben für mehr Mitmenschlichkeit, Geistesfreiheit und mehr Naturschutz gemeinsam bearbeiten und bewältigen, wofür Erich Satter unentwegt wirbt. Daher sei ihm herzlich für sein Buch gedankt, das in jeden freireligiösen, freidenkerischen oder unitarischen Haushalt gehört.
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Hubertus Mynarek:
Wertbewusstsein bei Religiösen und Säkularen
erschienen bei www.hpd.de/node/7857

(hpd) Nicht zufällig zum 150-jährigen Bestehen des Bundes Freireligiöser Gemeinden Deutschlands (BFGD) legt der promovierte Philosoph und Religionswissenschaftler Erich Satter dieses Buch vor, das sich mit der Beziehung zwischen Ästhetik und Ethik befasst.


Der besonders im freireligiösen und freigeistigen Raum bekannte Denker und Sachbuchautor Erich Satter legt uns nach zahlreichen Büchern und Vorarbeiten im Bereich von Weltanschauungsanalyse und Ideologiekritik ein neues, bedeutendes Werk vor, das in einer staunenswerten Materialfülle und präzisen Argumentationsform Werte und Wertbewusstsein in Religion und Philosophie, Ethik und Ästhetik darstellt und analysiert. Eines der Charakteristika dieser Publikation ist, dass sie alle Denkrichtungen objektiv zu würdigen versucht, aber nie so radikalkritisch wird, dass sie das Kind mit dem Bad ausschüttet.

Das zeigt sich besonders deutlich in Satters Analyse einer enormen Anzahl von Religionsdefinitionen. Am Ende bleibt Religion erhalten, aber nicht mehr als metaphysische Beziehung zu Gott oder Göttern, Geistern oder Dämonen, sondern als „Orientierung im Dasein in sozialer Gebundenheit und Reflexion von Geist und Gefühl“. Damit hat Satter die Religion sozusagen endgültig säkularisiert und humanisiert, obwohl man dabei freilich fragen kann, ob er sie auf diese Weise nicht in praktischer Philosophie oder Soziologie aufgelöst hat. Evtl. wäre auch der Begriff Geist durch den der Ratio zu ersetzen, weil ersterer zu viele Assoziationen an die deutsche idealistische Philosophie (Hegel, Fichte, Schelling etc. bis hin zu Max Schelers „Die Stellung des Menschen im Kosmos“) weckt.

Mit einer ähnlich stupenden Materialfülle wartet Satter in seiner Darstellung bedeutender ethischer Systeme auf. Das Resultat seiner Analysen: ein negativer Utilitarismus, der das Leid in der Welt zu verringern und die Zustände, die zum Leid führen, zu verbessern bzw. abzuschaffen sucht.

Allerdings hätte Satter diese durchaus plausible negativ-utilitarische Ethik durch systematische Einbeziehung der Tierwelt erweitern sollen, denn Humanisten aller Couleur erkennen inzwischen immer klarer, dass das Humanum ohne eine grundlegende Änderung der Zustände, in denen sich die Tierwelt durch unsere Schuld befindet, ohne einen prinzipiellen Wandel in unserem Verhältnis zu den Tieren bis hin zur Abstellung unserer kannibalischen Essgewohnheiten nicht gerettet werden kann. Ohne Tier-Ethik keine Human-Ethik!

Als eminenter und umfassender Kenner erweist sich der Autor schließlich auch bei der Charakterisierung der zahlreichen freireligiösen, freigeistigen und freidenkerischen Gruppierungen in Deutschland, in denen er Symptome einer neuen „Zweiten Achsenzeit“ sieht, in der die Religion als säkularisierte, konfessionsfreie, entkirchlichte zu echter Toleranz und Dogmenfreiheit findet und damit auch den Staat befreit aus seiner immer noch bestehenden Abhängigkeit von den Kirchen und dem Muss, sie bis in die Gesetzgebung und Rechtsprechung hinein zu privilegieren. Durch die Pontifikate des Wojtyla- und des Ratzinger-Papstes hat diese Abhängigkeit trotz abnehmender Kirchenmitgliedszahlen nicht etwa ab-, sondern sogar noch zugenommen.

Bei einem so umfangreichen, viele Einzelheiten enthaltenden Werk sind selbstverständlich kleinere Fehler nicht zu vermeiden gewesen. Der Rezensent erwähnt sie auch nur, weil diese ausgezeichnete Publikation weitere Auflagen verdient, in denen diese marginalen Defizite dann nicht mehr auftauchen sollten. So sollte auf S. 81 ff der Buddhismus insgesamt nicht unter »Pantheismus« subsumiert werden. In seiner Ursprungsform ist er wohl eher eine atheistische Ethik. Das Eingangszitat zur Darstellung des Buddhismus auf S. 81 stammt nicht von Buddha, sondern von Erich Fromm.

Sodann: Sicherlich wird die historisch-kritisch vorgehende Exegese, die uns verdienstvoller Weise die Entmythologisierung und Enttabuisierung der geoffenbarten „Heiligen Schriften“ des Alten und Neuen Testaments gebracht hat, mit Satter nicht übereinstimmen, wenn er erklärt, dass man den Text der Bibel nicht „nach dem Buchstaben auslegen“ dürfe, ihn vielmehr „als Gleichnis und Metapher lesen“ solle, „wie es eine exakte Exegese erfordert“. Man dürfe „Bibeltexte nicht wörtlich nehmen, sondern muss sie hermeneutisch ausdeuten“. Gerade wenn man das täte, wäre jeder Heiligsprechung der biblischen Texte, selbst der gewalttätigsten und grausamsten, Tür und Tor geöffnet.

Satters Buch beweist eine enzyklopädische Fach- und Sachkenntnis, schürft aber in vielen Hinsichten tiefer als Enzyklopädie-Artikel. Daher wäre es nützlich, einer weiteren Auflage seines Werkes ein Personen- und Sachregister beizufügen. Fast unrealisierbar ist wohl der Wunsch, die genauen Mitgliederzahlen der freidenkerischen, frei-geistigen und freireligiösen Gemeinschaften einzuarbeiten. Abgesehen von diesen Marginalien: Es ist ein imposantes, unsere Kenntnisse bereicherndes, unser Denken anspornendes Buch!