Artikel Detailansicht

 

Bild Die Spur des Rades

Die Spur des Rades

Weltbild und Sinnsuche im Wandel der Zeit - Darstellung kulturhistorischer geistiger Entwicklungen und m├Âglicher Perspektiven

Kategorie:
Freigeistige Weltanschauung
Bestellnr:
20921
Autor:
Jochen Freede
Ausf├╝hrung:
428 S., kart.
ISBN:
978-3-933037-18-3
Verlag:
Angelika Lenz Verlag

20,40 €*
*incl. 7% MwSt


(Geben Sie hier Ihre gew├╝nschte Produktmenge an.)
Inhalt:

Die Fragen nach Lebenssinn, Präexistenz und Weiterleben nach dem Tod bewegen Menschen, seitdem sie bewusst zu denken begannen. Die Antworten fielen je nach Art der Kultur und Stand der Zivilisation verschieden aus. Erklärungen der Welt fanden ihren Ausdruck zunächst in Symbolen, Mythen und Religionen, später auch in den Ergebnissen naturwissenschaftlichen Forschens. Der ehemals vorherrschende Glaube an göttliche Allmacht ist in der derzeitigen abendländischen Kultur weitgehend dem Glauben an die Allmacht des Menschen gewichen. Doch vieles, was heute an Einsichten angeblich neu entdeckt wird, erweist sich bei genauer Betrachtung als ein Wiedererkennen alter Werte. Ist der Lebensweg eines Menschen als ein ewiger Kreislauf, vergleichbar einem sich drehenden Rad, aufzufassen? Oder ist unser Schicksal linear auf ein bestimmtes Ziel hin ausgerichtet, versehen mit einem definierbaren Anfang und einem ebenso feststehenden Ende? Mit der Darstellung der Weltbilder verschiedener Epochen folgt der Autor einer historischen Wiederkehr von Gedanken, die er die „Spur des Rades“ nennt, und zeigt dabei Möglichkeiten auf, unterschiedliche Denkwege auf der Suche nach den Antworten des Lebens zu gehen.


Rezension:

Wissen über den Sinn Dem praktizierenden Allgemeinarzt Dr. med. Jochen Freede gelang ein geisteswissenschaftlicher Rundumschlag, der eine immense kulturhistorische Informationsdichte vermittelt. Der Autor skizziert sehr detailgetreu alle Religionen, Mythen und Wertesysteme, die das abendländische Selbstverständnis beeinflusst haben. Die weitgehend objektive Haltung lässt viel Raum, um eigene Vorstellungen zu überprüfen. Allein der Literaturanhang umfasst ca. 300 Quellenvermerke. Zunächst erden die Weltanschauungen der Germanen, der antiken Hochkulturen und der Weltreligionen skizziert. Die anschließende philosophische und wissenschaftliche Auseinandersetzung v.a. mit den christlichen Lehren liest sich wie ein "who-is-who" der Weltbühne: Von Sokrates über Galileo Galilei, Descartes und Marx bis zu Hawking wird geschildert, wie jene das Weltbild ihrer Zeit prägten. Essentielle Zitate und Zeittafeln sorgen für Prägnanz und Übersichtlichkeit. Vor der abschließenden ausführlichen Diskussion erörtern separate Passagen u.a. das naturwissenschaftliche Entstehungsmodell des Universums oder auch die zentrale Lebensfrage "Was passiert, wenn man stirbt". Ein über 40seitiges Register erlaubt, zu Themen oder Schlagwörtern gezielt nachzuforschen. Mit diesem großen Hinterfragen von Wertesystemen kann sich jeder den großen Vordenkern der Menschheit und ihren Konzepten über das Sein intensiv nähern. (Der Allgemeinarzt, 24. Jahrgang, Heft 6, 10. April 2002) ++++++++++++ Jochen Freede, dem Leser bekannt als Verfasser des Büchleins „Problem oder Chance? - Praktisch-philosophische Wege zu positivem Denken und konstruktivem Handeln“ und als Autor vieler Artikel im „Lexikon freien Denkens“ (beide im Angelika Lenz Verlag), legt ein neues Buch vor: „Die Spur des Rades - Weltbild und Sinnsuche im Wandel der Zeit“ ist der Versuch, geschichtliche Entwicklungen der geistigen Kultur und mögliche Perspektiven ihrer weiteren Entwicklung darzustellen. Man könnte die Metapher von der Spur des Rades auch verdeutlichen mit den Goethe-Versen aus dem „West-östlichen Diwan“: „Wer nicht von dreitausend Jahren / Sich weiß Rechenschaft zu geben, / Bleibt im Leben unerfahren, / Mag von Tag zu Tage leben.“ Mit solch anspruchsvollem Anliegen ist Jochen Freede durchaus zeitgemäß. Denn in Zeiten wie der gegenwärtigen, mit ihren existenziellen Umbrüchen und Wandlungen im individuellen und gesellschaftlichen Leben, ist unabweisbar, sich Rechenschaft zu geben über all das, was die Menschheit sich durch Höhen und Tiefen, Irrungen und Konflikte hindurch an geistig Wertvollem, an Bewahrungswertem, sowie für die weiteren Schritte in die Zukunft Lebensdienlichem und Nutzbarem erarbeitet hat - um es auch wirklich zu nutzen. Es zeichnet die Menschheit aus, dass sie bei der Lösung vor ihr stehender Aufgaben die aus ihrer bisherigen Geschichte akkumulierten Erfahrungen und Instrumentarien verwerten kann. Offensichtlich ist es die Intention des Verfassers, bei der Umsetzung dieser zunächst idealen und abstrakten Möglichkeit in Wirklichkeit so gründlich und umfassend wie möglich helfend mitzuwirken. In diesem Sinne stellt Jochen Freede geschichtliche, kulturelle und geistige Entwicklungen vergleichend neben die Erkenntnisse der modernen Naturwissenschaften und diskutiert diese (S. 5). Als Freidenker möchte ich den Akzent auf das Diskutieren legen und befinde mich darin sicherlich in Übereinstimmung mit dem Verfasser. In der Tat bedürfen die Grundprobleme, die er erörtert, wirklich umfassender Diskussion. Sein Buch kann quasi als eine Art Eröffnung einer solchen betrachtet werden. Darin erblicke ich hauptsächlich seinen Wert. Wer diskutieren will, muss begründeten Widerspruch als Form der Kooperation von verschiedenen Seiten erwarten und aushalten. Bedingung solcher Diskussion ist, die zu besprechenden Auffassungen auch bei kritischer Sicht ernst zu nehmen. Dass er selbst dafür offen ist, weiß ich aus der Arbeit am Lexikon sehr zu schätzen. Zwangsläufig muss der Autor bei der schier unendlichen Fülle des Stoffs selektiv vorgehen. Bereits dies wirft Fragen auf. Man kann sagen, dass er durchgehend seinen humanistischen Standpunkt sowie vernunftgemäße Analyse und Beurteilung der Sachverhalte geltend macht. Eine Schwierigkeit besteht darin, dass er dazu Probleme des praktischen geistigen Lebens (Rolle der Medien, Umweltschutz u.a.m.), der praktischen Philosophie (Sinn des Lebens, Verantwortlichkeit, Freiheit u.a.m.), der philosophischen Theorie (Bewusstsein, Erkenntnis, Wahrheit, Zeit, Wirklichkeit etc.) erörtern und mit deren Behandlung in religiösen Anschauungen vergleichen muss; und dies muss zugleich noch im Vergleich der unterschiedlichen zeitgenössischen (europäischen, vorderasiatischen, asiatischen u.a.) Kulturkreise sowie der historischen Kulturen geschehen. Aus solcher Anlage versteht sich, dass man sehr viel einwenden und auf eine Reihe Einseitigkeiten, Defizite oder gar Fehler aufmerksam machen kann. Wir sollten darüber - und das macht den Wert des Buches aus - das Ringen um das Geltendmachen humanitärer Sinngebung und vernünftiger Denkweise nicht übersehen. So ist zu begrüßen, dass er nicht nur in toleranter Weise Mythen und religiöse Vorstellungen auf ihre Substanz einfühlsam untersucht und gute Gründe für ihre kritische Beurteilung herausarbeitet, sondern sich auch gegen die geistige Vermassung der Menschen mittels „Computernetzen“ und „Datenautobahnen“ wendet, die „den menschlichen Geist mit genormten, oft psychologisch subtilen Informationen auf ein fremd-programmiertes, ihm meist unbekanntes Ziel zu“ steuern. Er sieht, dass dadurch zunehmend der Verlust an eigener Denk- und Urteilsfähigkeit und schließlich an Individualität droht (S. 16ff.). Unverkennbar tut sich hier für das Wirken von Freidenkern ein weiteres Feld auf, verbunden mit den traditionellen Feldern freien Denkens. Die Frage nach dem eigenständigen Denken und Urteilen wird auch im Schluss-kapitel in verschiedenen Zusammenhängen menschlicher Existenz knapp dargestellt. So lesen wir u.a. zur Frage des Glücks: „Es ist ein Irrtum zu glauben, der Mensch müsse nur mit allen materiellen Gütern reichlich ausgestattet werden, damit er glücklich und zufrieden sei. Das Schlaraffenland oder der kollektive Vergnügungspark als Ideal unserer Zeit ist eine Selbsttäuschung. So wie Kreativität nicht durch die Perfektionierung der Technik ersetzbar ist, kann man Schönheit nur empfinden und nicht messen. Ebenso ist Glück nicht einfach durch den Erwerb materieller Güter zu erringen...“ (S. 355/356). Angesichts der reichen Fülle allgemeiner, besonderer und einzelner Probleme, die der Verfasser in seinem Gang durch die Geschichte weltanschaulichen und religiösen Denkens aufwirft, darstellt und diskutiert, wäre viel wohl verstanden Kritisches zu einzelnen Fragestellungen zu sagen. So fragt sich, ob es tatsächlich so gewesen ist, dass mit der Aufklärung der Mensch versuchte, „Gott zu ersetzen“, indem er sich anschickte, „sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen“, ob wirklich durch die Aufklärung der „Glaube an die Vorsehung ... vom Glauben an den menschlichen Fortschritt abgelöst“ wurde (S. 307). Ist es nicht eher so, dass die Aufklärung der Überzeugung war, der Mensch sei des Fortschreitens zu immer tieferer und weiterer Erkenntnis und zu immer selbstbestimmterem Handeln als einer unendlichen Aufgabe (Fichte) fähig? Haben die Aufklärer nicht vor allem die tätige Seite als ewige Aufgabe und die Resultate des aufgeklärten Denkens und Handelns als begrenztes Ergebnis herausgearbeitet? Solcher Fragen zu einzelnen Einschätzungen gibt es mehrere. So bleibt dem Rezensenten nur übrig, auf einige allgemeinere Fragen der Arbeit aufmerksam zu machen. Zunächst fällt auf, dass Jochen Freede einigen heute gängigen Klischeevorstellungen nicht ganz entgangen zu sein scheint. Solche durch die gesamte Arbeit verstreuten Wendungen wie „das europäische“ oder auch „westliche Denken“, „das moderne Denken“, „der moderne Mensch“ usw. drücken einen bestimmten Grad der Abstraktheit aus, die den Eindruck vermittelt, als sei die Denkungsart der Menschen etwa in Europa weitgehend homogen, weil historisch durch Renaissance und Aufklärung hindurchgegangen und mitgeprägt. Ist dem tatsächlich so? Es handelt sich hier nicht um Äußerlichkeiten. Vielmehr sind solche Abstraktionen geeignet, den Blick für die realen Widersprüche in der Entwicklung der geistigen Kultur zu trüben und das, was weitgehend herrschend geworden ist, auch für das allgemein Ausgeübte zu halten. Wäre es nicht eine reizvolle Aufgabe, den Anteil der verketzerten, verworfenen, ausgegrenzten, unterdrückten Denkweisen und ihre Reibung mit den herrschend gewordenen am Zustandekommen unserer geistigen Kultur näher ins Auge zu fassen? Das hängt mit etwas anderem zusammen: Auf S. 5 kündigt der Autor an, im Hauptteil der Arbeit würden „die Antworten aufgezeigt, welche die verschiedenen Kulturen, Religionen, Philosophien und Naturwissenschaften gegeben haben.“ Wäre es für das weltanschauliche Denken nicht auch und vor allem hilfreich, die Fragen der verschiedenen Zeiten in den Kulturen, Religionen, Philosophien und speziellen Wissenschaften aufzuweisen, um Antworten werten und eventuell „verpasste Antwortmöglichkeiten“ herausarbeiten zu können? Ich kreide dies dem Verfasser nicht als Versäumnis an, weil es Anklänge dazu bei ihm bereits gibt (s. Reformation). Aber ich kann mir vorstellen, dass die Beachtung dieser Seite für weitere Diskussionen um die „Spur des Rades“ sehr nützlich sein könnte. Mir hat sich beim Lesen der Eindruck aufgedrängt, dass Materialismus als philosophische Denkweise etwas stiefmütterlich behandelt wird, jedenfalls nicht ähnlich einfühlsam wie Mythen und Religionen. Auch das soll kein Vorwurf sein. Ich habe damit folgendes im Auge: Wenn Menschen, die aus unterschiedlichen philosophischen Strömungen herkommen, über die „Spur des Rades“ kreativ mit Nutzen für die Zukunft diskutieren wollen, dann bedarf es jenes Maßes an Offenheit, das auch in dem Willen besteht, manches aus der Sprache der einen in die der anderen Strömung weltanschaulichen Denkens zu übersetzen. Damit würden einige Verständnisschwierigkeiten zu beheben sein und die Fragen, in denen es weiterhin mehr oder weniger grundsätzliche Unterschiede gibt, deutlicher hervortreten. Welche praktische Bedeutung ein solches Verfahren hat, zeigt sich gerade in der Gegenwart hinsichtlich des Verhältnisses zum Islam höchst plastisch. Hinsichtlich des Buches selbst möchte ich darauf aufmerksam machen, dass die Bewertung der weltanschaulichen Auffassungen und Lehren von Karl Marx (S. 227, 229) teilweise total an dessen wirklicher Gedankenführung vorbeigeht und sich teils auf Aussagen von Marxkritikern, teilweise auf psychologistische und vulgarisierende Interpretationen Marxscher Gedanken durch Leute stützt, von denen Marx selbst bereits gesagt hat, das einzige, was er wisse sei, dass er kein Marxist ist. Mir liegt fern, diesen Mangel einer Absicht des Verfassers zuzuschreiben. Er dürfte eher mit der Behandlung philosophisch-materialistischen Denkens zusammenhängen, die infolge jahrhundertealter moralisierender Verketzerung dieser philosophischen Richtung im alltäglichen Denken sich mit der Kraft eines Vorurteils festgesetzt hat. Überhaupt sollten wir im Diskurs offenbar künftig größeren Wert auf Erörterung der Denkweisen legen. Das sei an zwei Themen gezeigt. Mit Recht mahnt Jochen Freede an, dass es in puncto Atheismus „mit Bibelkritik oder antiklerikaler Einstellung... nicht getan ist“ (S. 300, vgl. auch S. 27). Und er tut in seinem Buch sehr viel dazu zu zeigen, wie man es anders tun kann. Mir scheint, dass er Atheismus nur im Sinne der expliziten Erklärung dieser Position anerkennt, wenn er schreibt: „Die Geschichte des Zweifels an der Existenz eines Gottes oder einer übernatürlichen Kraft ist relativ jung.“ Als Gewährsmann für diese Einschätzung führt er die Aussage von W. Schröder an: „Vor dem 17. Jahrhundert ist kein philosophisches Dokument bekannt, in dem die Existenz Gottes, eines Welturhebers oder einer Weltursache bestritten wird“ (S: 299). Ist das nicht zu eng betrachtet? Stellte nicht auch schon Heraklit in seinem Aphorismus die Existenz von Göttern in Frage, wenn er sagt: „Diese Welt, dieselbige von allen Dingen, hat weder der Götter noch der Menschen einer gemacht, sondern sie war immer und ist und wird immer sein ein ewig lebend Feuer, nach Maßen sich entzündend und nach Maßen erlöschend.“ Wo die Götter keine Funktion mehr haben, ist ihre Existenz offensichtlich in Zweifel gezogen. Aber selbst abgesehen davon, muss man nicht eigentlich dem implizit in religiösen Denkweisen selbst sich äußernden Atheismus, der insbesondere in sozialen Systemen, in denen eine Religion die beherrschende Weltanschauung ist, einen Schritt weg von der herrschenden Anschauung bedeutet, mehr Beachtung schenken? Wo sollten denn sonst in solchen Gesellschaften Atheisten herkommen? Eng damit zusammen hängt auch die Frage nach der Bewertung der antiken griechischen Naturphilosophien. Sicherlich ist ihre Philosophie weitgehend dem Inhalt nach kosmologisch S. 61f.). Aber ist nicht allein die Art der Fragestellung, die Frage nach dem Urgrund (Arché) schon atheistisch und neu? Indem nicht mehr nach dem Ursprung und damit nach einer Weltschöpfung gefragt wird, nicht mehr nach Schöpfern, an die man glauben, deren Ratschluss man unbedenklich folgen muss, wird ja auch dem Denken eine neue Aufgabe zugewiesen: die inneren Zusammenhänge des Weltgeschehens zu ergründen. Verweist dies nicht auf die Herausbildung eines menschlichen Selbstverständnisses zurück, in der der Mensch selbst als die Welt ergründendes Subjekt begriffen wird, nicht mehr als gläubiger und höriger Gefolgsmensch fremder Autorität und ihrer Mittler? Auch wenn nicht explizit vom Menschen und seinem Selbstverständnis die Rede ist? Ich will es dabei bewenden lassen. Der Leser hat sicherlich bemerkt, dass ich offenbar bereits begonnen habe mit einigen Diskussionsfragen. Und wenn er auch die kritischen Bemerkungen dieser Besprechung in Verbindung mit meinen eingangs gemachten Bemerkungen versteht, dann wird ihm wahrscheinlich deutlich, dass ich an der eingangs getroffenen Wertung des Buches keinen Abstrich mache. Ich halte es im genannten Sinne für gut. Hans-Günter Eschke (Rezension aus "Kristall - Zeitschrift für Geistesfreiheit und Humanismus, 4/2001)