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Rezension zu "Idole - Ein Kaleidoskop freier Religiosit├Ąt" (Eckhart Pilick)

von Harald Bender

Idole sind nach Bacon „falsche Begriffe, welche vom menschlichen Verstand schon Besitz ergriffen haben und tief in ihm wurzeln.“Sie halten „den Geist des Menschen“ in Beschlag. Unter dieser Definition von Idol lässt sich ein Großteil der 13 Texte von Pilick einordnen. Es handelt sich um Reden, die zwischen 1995 und 2017 aus verschiedenen Anlässen gehalten und zum Teil publiziert wurden.


Der erste Text „ Fraugott oder Herrgott“ schon im Titel ein echter Pilick verführt zur Lektüre. Und von wegen „eine Plauderei“, wie im Untertitel bescheiden angemerkt, es ist ein atemberaubender Ritt – besser Flug – durch die Deutungsmöglichkeiten von Gott und Welt, von Mann und Frau, von Macht und Ohnmacht, von Fakten, die hinter der Sprache im Verborgenen liegen, ein Flug durch die Kulturgeschichte, durch die Inhalte „des kollektiven Unbewussten“ (C. G. Jung).

In  „Gott = das Wesen der Welt und des Menschen“ werden Grundsätze Freier Religion auf der Basis von Arthur Drews Ausführungen dargestellt. „Mensch und Welt sind Erscheinungsweisen Gottes“  und nicht seine Geschöpfe. Das Absolute nicht Gott, sondern das Unbewusste zu nennen, war der letzte Versuch zur Rettung des Gottesglaubens, darüber war sich E. von Hartmann im Klaren und in dessen Ideenwelt findet sich auch Arthur Drews wieder. Das Unbewusste ist der Urgrund des Seins, tätiges Weltprinzip, das All-Eine, so Pilick in dem Aufsatz „Die Philosophie des Unbewussten“.

In „Der Gott in den Bäumen“ zeigt Pilick die Bedeutung der Bäume in verschiedenen Zeiten und Kulturen auf und interpretiert sie u.a. als „ die Sehnsucht nach der Versöhnung von Kultur und Natur“, wobei er ausdrücklich davor warnt, dass dies nicht durch ein Zurück zur alten Naturfrömmigkeit befohlen werden kann, sondern diese Frömmigkeit von Innen wirken muss.

Die Reden über Friedrich Hecker, 150 Jahre Freireligiöse Gemeinden, Religiöse Opposition im Vormärz würdigen die Verdienste der Freireligiösen in ihrem Kampf für Freiheit und Bürgerrechte, aber gleichzeitig wird „die enge Abgrenzung in unseren Reihen (als) ein Zeichen der Angst und der eigenen Schwäche gedeutet“und darauf verwiesen, dass die heutigen Probleme gewaltiger als1845 sind und nur durch die Fähigkeit, sich mit größeren Einheiten zu identifizieren, gelöst werden können. Die Verdienste des hochgelobten Friedrich Hecker werden von Pilick gebührend gewürdigt, so seine Rolle beim Zustandekommen der Offenburger Versammlung, aber auch seine Sturheit und Selbstüberschätzung werden in das Gesamtbild miteinbezogen.

„Die Freie Religion muss sich selbst relativieren, d.h. sich in Beziehung setzen zu anderen,“ das ist eine Forderung in dem Text „Islam aus freireligiöser Sicht“. Er zeigt die positiven Seiten und liberalen Positionen im Islam auf und empfiehlt, mit solchen Strömungen, die nicht fundamentalistisch sind, den Kontakt zu suchen und sich zu vernetzen. „Ich kenne keine Alternative.“

Dieses Buch ist jedem zu empfehlen, der mehr über die Inhalte Freier Religion  und über die Geschichte der Freireligiösen  wissen will. Es ist aber auch für jeden deshalb lesenswert, weil die Deutungsgabe Pilicks dem Leser völlig neue Sichtweisen auf  Mensch und Welt eröffnet, die einem im eigenen Leben sehr hilfreich sein können; so z.B.  in dem Beitrag „Nyctophobie“:

„Licht blendet ... Es werde Nacht! ... Die Einheit alles Getrennten erscheint uns nur im Dunkeln, erhellt vom Schein einer Kerze.“ Einfach genial.

 Harald Bender